Aspirin zur Präeklampsie-Prophylaxe: Dosierung, Zeitpunkt und Indikation
Das Wichtigste in Kürze
- Niedrig dosiertes Aspirin (Acetylsalicylsäure, ASS; 81–162 mg täglich) senkt das Präeklampsierisiko bei Hochrisikoschwangerschaften um etwa 15–25 %, sofern es zwischen der 12. und 16. Schwangerschaftswoche (SSW) begonnen wird.
- USPSTF, ACOG/DGGG und SMFM empfehlen ASS bei Schwangeren mit mindestens einem Hochrisikofaktor oder mindestens zwei moderaten Risikofaktoren.
- Die abendliche Einnahme kann die Wirksamkeit verbessern – ein Befund aus der ASPRE-Studie.
- Üblicherweise wird ASS mit 36 SSW abgesetzt, sofern die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nichts anderes festlegt.
- Das Risikoscreening sollte beim ersten Vorsorgetermin erfolgen.
Was ist eine Präeklampsie und warum ist die Prophylaxe so wichtig?
Die Präeklampsie ist eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung, definiert durch neu aufgetretenen Bluthochdruck (systolisch ≥ 140 mmHg oder diastolisch ≥ 90 mmHg) nach der 20. SSW, typischerweise begleitet von Proteinurie oder Endorganfunktionsstörungen. Sie betrifft schätzungsweise 2–8 % aller Schwangerschaften weltweit und gehört nach wie vor zu den führenden Ursachen mütterlicher und perinataler Morbidität und Mortalität.
Pathophysiologisch steht eine gestörte Plazentation im Zentrum: In der Frühschwangerschaft bleibt die Trophoblasteninvasion in die Spiralarterien unvollständig, was zu einer mangelhaften Plazentaperfusion, endothelialer Dysfunktion und einer systemischen Entzündungsreaktion führt. Genau hier setzt die Aspirin-Prophylaxe der Präeklampsie an: ASS hemmt die Cyclooxygenase und damit die Bildung von Thromboxan A₂, verschiebt das Verhältnis von Prostacyclin zu Thromboxan zugunsten der Vasodilatation und verringert die Thrombozytenaggregation. Dadurch verbessert sich die plazentare Durchblutung im kritischen Zeitfenster des Spiralarterien-Remodellings.
Eine Präeklampsie lässt sich nur durch die Entbindung definitiv beenden. Die Prävention zielt deshalb darauf, gefährdete Schwangere früh zu identifizieren und einzugreifen, bevor die pathologische Kaskade irreversibel wird. Unter allen untersuchten medikamentösen Strategien – darunter Calciumsupplementation, Heparin und Antioxidantien – bleibt niedrig dosiertes ASS in der Schwangerschaft die einzige Intervention mit einer durch große Leitliniengremien anerkannten, robusten Evidenz.
Wer sollte Aspirin einnehmen? Risikoscreening nach USPSTF und DGGG/ACOG
Nicht jede Schwangere benötigt ASS. Die U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF, 2021), das American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) sowie die Society for Maternal-Fetal Medicine (SMFM) – im DACH-Raum entsprechend die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) mit ihrer AWMF-S2k-Leitlinie zu hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen – nutzen einen strukturierten Risikofaktor-Ansatz zur Auswahl geeigneter Patientinnen.
Klassifikation der Risikofaktoren
| Kategorie | Risikofaktoren | ASS empfohlen, wenn … |
|---|---|---|
| Hochrisiko | Anamnestische Präeklampsie (insbesondere früh oder schwer verlaufen); Mehrlingsschwangerschaft (Zwillinge, Drillinge); chronische Hypertonie; vorbestehender Diabetes mellitus (Typ 1 oder 2); Nierenerkrankungen; Autoimmunerkrankungen (SLE, Antiphospholipid-Syndrom) | ≥ 1 Hochrisikofaktor vorhanden |
| Moderates Risiko | Erstgebärende; Adipositas (BMI > 30 kg/m²); Präeklampsie bei Mutter oder Schwester; Alter ≥ 35 Jahre; frühere ungünstige Schwangerschaftsausgänge (Wachstumsretardierung, Totgeburt, vorzeitige Plazentalösung); soziodemografische Faktoren (z. B. afrikanische Herkunft, niedriger sozioökonomischer Status); IVF-Konzeption; Schwangerschaftsabstand > 10 Jahre | ≥ 2 moderate Risikofaktoren vorhanden |
| Niedriges Risiko | Keiner der oben genannten Faktoren | ASS nicht routinemäßig empfohlen |
Klinische Kernaussage: Die USPSTF-Empfehlung 2021 (Grad B) befürwortet niedrig dosiertes ASS (81 mg/Tag) ab der 12. SSW bei Frauen mit hohem Präeklampsierisiko. ACOG und SMFM stimmen darin überein; die ACOG-Practice-Advisory bestätigt diese Kriterien. Die deutschsprachige AWMF-Leitlinie zu hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen empfiehlt analog ASS 100–150 mg abends bei entsprechendem Risikoprofil.
Screening in der Praxis
Das Risikoscreening sollte beim ersten Vorsorgetermin stattfinden, idealerweise vor der 16. SSW. Es handelt sich um eine klinische Einschätzung – ein spezifisches Labor- oder Sonografieverfahren ist in dieser Phase nicht erforderlich. Manche Zentren ergänzen das Screening jedoch um eine Doppleruntersuchung der Aa. uterinae im ersten Trimenon sowie um Biomarker (PAPP-A, PlGF) im Rahmen eines multivariaten Algorithmus, wie er in der ASPRE-Studie verwendet wurde.
Im Anamnesegespräch sollten Sie gezielt erfragen:
- Frühere Schwangerschaftskomplikationen, einschließlich Schwangerschaftshypertonie
- Begleiterkrankungen (Hypertonie, Diabetes, Lupus, Nierenerkrankungen)
- Familienanamnese hinsichtlich Präeklampsie
- Charakteristika der aktuellen Schwangerschaft (Mehrlinge, IVF)
Die Evidenz: zentrale Studien und Metaanalysen
ASPRE-Studie (2017)
Die Combined Multimarker Screening and Randomized Patient Treatment with Aspirin for Evidence-Based Preeclampsia Prevention (ASPRE)-Studie ist die richtungsweisende Untersuchung auf diesem Gebiet. In der im New England Journal of Medicine publizierten, multizentrischen, doppelblinden, placebokontrollierten Studie wurden 1.776 Frauen, die durch einen Algorithmus im ersten Trimenon als Hochrisikopatientinnen identifiziert worden waren, randomisiert auf ASS 150 mg abends oder Placebo von der 11.–14. bis zur 36. SSW aufgeteilt.
Die Ergebnisse waren eindrucksvoll: ASS reduzierte die Rate der frühen Präeklampsie (Entbindung vor 37 SSW) um 62 % (Odds Ratio 0,38; 95 %-KI 0,20–0,74). Auf die Termin-Präeklampsie hatte ASS keinen statistisch signifikanten Effekt – ein Befund, der die Bedeutung des frühen Beginns vor der 16. SSW unterstreicht.
Cochrane-Review
Der Cochrane-Review von Duley et al. (2019), der über 60 Studien mit mehr als 37.000 Frauen umfasst, kam zu dem Schluss, dass Thrombozytenaggregationshemmer (überwiegend niedrig dosiertes ASS) das Präeklampsierisiko um etwa 17 % (RR 0,83; 95 %-KI 0,77–0,89) und das Risiko einer Frühgeburt um 9 % senken. Der Nutzen war über die Subgruppen hinweg konsistent.
PARIS-Metaanalyse individueller Patientendaten
Die im Lancet (2007) veröffentlichte Perinatal-Antiplatelet-Review-of-International-Studies-(PARIS)-Kollaboration poolte individuelle Patientendaten aus 31 Studien (über 32.000 Frauen). ASS, das spätestens in der 16. SSW begonnen wurde, zeigte eine deutlich stärkere Reduktion des Präeklampsierisikos als bei späterem Beginn; Dosen ≥ 75 mg waren wirksamer als geringere Dosierungen.
USPSTF-Evidenzbericht (2021)
Henderson et al. erstellten den systematischen Evidenzbericht, der die USPSTF-Empfehlung 2021 begründet. Über 23 Studien (mehr als 29.000 Teilnehmerinnen) hinweg senkte niedrig dosiertes ASS das Präeklampsierisiko um 15 % (RR 0,85; 95 %-KI 0,75–0,95), mit deutlicherem Nutzen bei Beginn vor der 16. SSW und Dosen ab 100 mg.
Aspirin 81 vs. 150 mg zur Präeklampsie-Prophylaxe: Dosiswahl
Eine der am häufigsten diskutierten Fragen der perinatalen Pharmakotherapie lautet, ob 81 mg oder 150 mg ASS optimal sind. Die Antwort hängt teils vom Land, teils von der zugrunde gelegten Evidenz ab. Im DACH-Raum sind in den meisten Apotheken ASS 100 mg verfügbar, was dem Spektrum der internationalen Studien sehr nahekommt.
Dosisvergleich
| Parameter | 81 mg (US-Standarddosis) | 150 mg (Dosis der ASPRE-Studie) |
|---|---|---|
| Leitlinienempfehlung | USPSTF, ACOG, SMFM | FIGO, NICE bzw. AWMF (75–150 mg) |
| Wesentliche Evidenz | Multiple Studien, PARIS-Metaanalyse | ASPRE-Studie |
| Reduktion der Frühpräeklampsie | ~15–25 % (gepoolt) | ~62 % (ASPRE) |
| Verfügbarkeit | Rezeptfrei in den USA (Standard-Baby-Aspirin) | In vielen europäischen Ländern üblich; in DACH meist ASS 100 mg verfügbar |
| Sicherheitsprofil | Gut etabliert; minimales Blutungsrisiko | Vergleichbare Sicherheit in ASPRE; etwas weniger Langzeitdaten |
| Praktische Aspekte | Einzeltablette, breit verfügbar | Ggf. zwei 75-mg- oder eine 150-mg-Tablette nötig |
ACOG-Position: ACOG empfiehlt 81 mg täglich und akzeptiert höhere Dosen (bis 162 mg, also zwei 81-mg-Tabletten) bei klinisch begründeter Entscheidung, vor allem bei sehr hohem Risiko. Manche Maternal-Fetal-Medicine-Spezialisten in den USA verordnen heute routinemäßig 162 mg als pragmatischen Kompromiss zwischen US- und internationaler Evidenz.
NICE-Empfehlung (NG133): Das britische National Institute for Health and Care Excellence empfiehlt 75–150 mg täglich ab der 12. SSW bis zur Geburt – analog zum ASPRE-Protokoll.
FIGO-Empfehlung: Die International Federation of Gynecology and Obstetrics empfiehlt ASS 150 mg abends, direkt am ASPRE-Protokoll orientiert.
DACH-Praxis: Die AWMF-S2k-Leitlinie und die meisten gynäkologischen Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz verordnen ASS 100–150 mg abends.
Fazit: Dosen im Bereich von 75–162 mg sind alle evidenzbasiert. Entscheidend sind der frühzeitige Beginn und die konsequente tägliche Einnahme.
Wann beginnen, wann absetzen?
Zeitpunkt des Beginns
Der Zeitpunkt ist mindestens so wichtig wie die Dosis. Die biologische Begründung ist klar: ASS muss während des Zeitfensters des trophoblastvermittelten Spiralarterien-Remodellings wirksam sein, das etwa zwischen der 8. und 18. SSW liegt.
- Optimaler Beginn: 12.–16. SSW (USPSTF, ACOG, SMFM, NICE, FIGO, AWMF/DGGG)
- Akzeptabler Beginn: laut USPSTF bis zur 28. SSW, allerdings mit deutlich geringerem Nutzen nach der 16. SSW
- Zu spät: Ein Beginn nach der 20. SSW kann eine Präeklampsie kaum noch verhindern, da das Zeitfenster des Spiralarterien-Remodellings weitgehend geschlossen ist
Die PARIS-Metaanalyse zeigte, dass ASS, das spätestens in der 16. SSW begonnen wurde, das Präeklampsierisiko um etwa 50 % senkt – im Vergleich zu nur etwa 10 % bei späterem Beginn. Die Metaanalyse von Roberge et al. (2017) bestätigte diesen Befund: Ein ASS-Beginn vor der 16. SSW und Dosen ≥ 100 mg reduzierten Frühpräeklampsie, fetale Wachstumsrestriktion und perinatale Mortalität substanziell.
Wann absetzen?
Die meisten Leitlinien empfehlen, ASS in der 36. SSW abzusetzen. Begründung:
- Der präventive Effekt entfaltet sich früh in der Schwangerschaft; eine Fortführung über die 36. SSW hinaus bringt kaum Zusatznutzen
- Die thrombozytenhemmende Wirkung könnte theoretisch das Blutungsrisiko bei Geburt oder rückenmarksnahem Anästhesieverfahren (Periduralanästhesie/Spinalanästhesie) erhöhen, auch wenn klinische Daten hierzu beruhigend ausfallen
- ACOG und SMFM empfehlen das Absetzen mit 36 SSW – analog die AWMF-Leitlinie
Bei spezifischen Hochrisikokonstellationen (z. B. Antiphospholipid-Syndrom) wird ASS bisweilen bis zur Geburt fortgeführt, dies sollte jedoch eine individuelle Entscheidung sein.
Abendliche Einnahme: was die Evidenz zeigt
In der ASPRE-Studie wurden die Teilnehmerinnen explizit angewiesen, ASS abends vor dem Schlafengehen einzunehmen. Das war kein Zufall: Chronopharmakologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die thrombozytenhemmende und blutdrucksenkende Wirkung von ASS bei Abendgabe ausgeprägter ist – aufgrund zirkadianer Schwankungen der Thrombozytenreaktivität und der Prostanoidsynthese.
Eine randomisierte Studie von Ayala et al. (2013) zeigte bei nicht schwangeren Hypertonikern, dass eine abendliche ASS-Gabe den ambulanten Blutdruck im Vergleich zur morgendlichen Einnahme signifikant senkt. Direkte Evidenz bei Schwangeren beschränkt sich auf das ASPRE-Protokoll, doch die theoretische Grundlage ist solide. Die abendliche Gabe wird inzwischen von FIGO empfohlen und gilt unter vielen Maternal-Fetal-Medicine-Spezialisten als Best Practice. Auch die DGGG/AWMF-Empfehlung folgt diesem Prinzip.
Praktische Hinweise für Patientinnen:
- ASS jeden Abend zur gleichen Zeit einnehmen, idealerweise vor dem Schlafengehen
- Einnahme mit oder ohne Mahlzeit möglich; eine kleine Zwischenmahlzeit kann Magenbeschwerden lindern
- Eine vergessene Dosis möglichst bald nachholen – nicht verdoppeln
Nebenwirkungen, Sicherheit und Monitoring
Niedrig dosiertes ASS in der Schwangerschaft hat ein ausgezeichnetes Sicherheitsprofil. Im USPSTF-Evidenzbericht zeigte sich keine signifikante Zunahme von vorzeitiger Plazentalösung, postpartaler Blutung oder fetaler intrakranieller Blutung bei Dosen von 60–150 mg.
Häufige und seltene Nebenwirkungen
| Nebenwirkung | Häufigkeit | Klinische Relevanz |
|---|---|---|
| Leichte Dyspepsie / Sodbrennen | Häufig (~5–10 %) | Meist gut beherrschbar; kann mit schwangerschaftsbedingtem Reflux überlappen |
| Hämatome | Gelegentlich | In niedriger Dosis selten klinisch relevant |
| Epistaxis (Nasenbluten) | Gelegentlich | Tritt in der Schwangerschaft unabhängig von ASS häufiger auf |
| Postpartale Blutung | Keine signifikante Zunahme in Studien | Beruhigende Daten aus Metaanalysen |
| Vorzeitige Plazentalösung | Keine signifikante Zunahme in Studien | Historische Sorge, durch moderne Evidenz nicht bestätigt |
| Fetale Effekte (intrakranielle Blutung, vorzeitiger Verschluss des Ductus arteriosus) | Bei niedriger Dosis nicht beobachtet | Risiko betrifft Volldosis-ASS (≥ 325 mg), nicht die niedrige Dosis |
Monitoring
Eine routinemäßige Laborkontrolle ist bei niedrig dosiertem ASS zur Präeklampsie-Prophylaxe in der Regel nicht erforderlich. Die übliche Schwangerschaftsvorsorge mit Blutdruckmessung und Urinstreifentest auf Eiweiß genügt. Thrombozytenzahl und Gerinnungsanalysen sind nur bei separater klinischer Indikation angezeigt.
Kontraindikationen und Wechselwirkungen
Absolute Kontraindikationen
- ASS-Allergie oder -Hypersensitivität (einschließlich Aspirin-exazerbierter Atemwegserkrankung)
- Aktives Magen- oder Duodenalulkus mit Blutung
- Blutgerinnungsstörungen (schwere Thrombozytopenie, hereditäre Thrombozytenfunktionsstörungen, Hämophilie)
- Volldosis-ASS (≥ 325 mg) im dritten Trimenon – betrifft nicht die niedrige Dosis, die bis zur 36. SSW gegeben wird
Relative Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
- Gleichzeitige Antikoagulation (Warfarin/Phenprocoumon, Heparin) – Kombination mit ASS in spezifischen Konstellationen (z. B. Antiphospholipid-Syndrom mit NMH) möglich, aber in spezialisierter Hand
- Anamnestische gastrointestinale Blutung
- Schwere Leberfunktionsstörung
- Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-(G6PD-)Mangel (Risiko bei hohen Dosen; niedrige Dosen in der Regel sicher)
Klinisch relevante Wechselwirkungen
| Wechselwirkungspartner | Effekt | Vorgehen |
|---|---|---|
| NSAR (Ibuprofen, Naproxen) | Kompetitive COX-1-Hemmung kann den Antiplättcheneffekt von ASS abschwächen; NSAR in der Schwangerschaft ab 20 SSW grundsätzlich meiden | Gleichzeitige Anwendung vermeiden; zur Schmerztherapie Paracetamol |
| Heparin / NMH | Additives Blutungsrisiko | Kombinationsgabe beim Antiphospholipid-Syndrom unter spezialärztlicher Aufsicht möglich |
| SSRI | Additiver Effekt auf die Thrombozytenfunktion | Auf Blutungszeichen achten; bei niedriger ASS-Dosis insgesamt sicher |
| Kortikosteroide | Erhöhtes Risiko gastrointestinaler Blutungen | Bei längerer Kombination Magenschutz erwägen |
| Methotrexat | ASS verringert die renale Clearance von Methotrexat | In der Schwangerschaft nicht relevant (Methotrexat kontraindiziert) |
Besondere Patientengruppen
Antiphospholipid-Syndrom
Patientinnen mit Antiphospholipid-Syndrom (APS) haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Präeklampsie, fetale Wachstumsrestriktion und Schwangerschaftsverluste. Standardtherapie ist niedrig dosiertes ASS plus prophylaktisches niedermolekulares Heparin (NMH) über die gesamte Schwangerschaft. In dieser Gruppe kann ASS gemäß ACR/EULAR-Empfehlungen bereits präkonzeptionell begonnen werden; die Kombinationstherapie adressiert sowohl thrombotische als auch plazentationsbedingte Risiken.
Mehrlingsschwangerschaften
Eine Mehrlingsschwangerschaft gilt als Hochrisikofaktor; ASS wird unabhängig von weiteren Risikofaktoren empfohlen. Da die ASPRE-Studie nur Einlingsschwangerschaften einschloss, ist die optimale Dosis bei Mehrlingen extrapoliert. Üblich sind 81–162 mg täglich (im DACH-Raum meist 100–150 mg).
Vorbestehende Hypertonie
Frauen mit chronischer Hypertonie haben ein hohes Risiko für eine pfropfende Präeklampsie. ASS wird empfohlen; antihypertensive Medikamente (Labetalol, Nifedipin, Methyldopa/Presinol) sollten bedarfsgerecht fortgeführt oder begonnen werden. ASS ersetzt nicht die Blutdruckeinstellung.
Schwangerschaft im Jugendalter
Jugendliche weisen häufig moderate Risikofaktoren (Erstgebärende), erfüllen aber selten Hochrisikokriterien. ASS wird nach demselben Risikoschema verordnet. Eine sorgfältige Adhärenzberatung ist hier besonders wichtig.
ASS in der Stillzeit
Niedrig dosiertes ASS ist laut LactMed (NIH) und Embryotox mit dem Stillen vereinbar. Bei Dosen von 81–162 mg ist die in die Muttermilch übertretende Menge minimal und beeinflusst den Säugling kaum. Volldosis-ASS (≥ 325 mg) sollte aufgrund eines theoretischen Reye-Syndrom-Risikos zurückhaltend eingesetzt werden, bestätigte Fälle durch Muttermilchexposition wurden bislang nicht berichtet. Wöchnerinnen, die ASS zur Präeklampsie-Prophylaxe eingenommen haben und stillen möchten, können beruhigt werden.
Warnzeichen – wann sofort medizinische Hilfe nötig ist
Auch unter ASS-Prophylaxe kann eine Präeklampsie auftreten. ASS senkt das Risiko, beseitigt es aber nicht. Patientinnen sollten ab der 20. SSW bei folgenden Symptomen unverzüglich ärztliche Hilfe aufsuchen:
- Starke Kopfschmerzen, die auf Paracetamol nicht ansprechen
- Sehstörungen – Verschwommensehen, Lichtblitze, Skotome
- Schmerzen im rechten Oberbauch oder epigastrisch – Hinweis auf Leberbeteiligung (HELLP-Syndrom)
- Plötzliche Schwellungen im Gesicht, an Händen oder Füßen (über die übliche Schwangerschaftsödemneigung hinaus)
- Blutdruckwerte ≥ 140/90 mmHg bei der Heimmessung
- Verminderte Kindsbewegungen
- Übelkeit oder Erbrechen in der zweiten Schwangerschaftshälfte (nicht typisch für Schwangerschaftsübelkeit)
- Atemnot oder Engegefühl in der Brust
Diese Symptome können auf eine Präeklampsie, Eklampsie oder ein HELLP-Syndrom hinweisen und erfordern eine sofortige Abklärung mit Blutdruckmessung, Laborkontrolle (Blutbild, Leberenzyme, Kreatinin, LDH) und CTG-Überwachung.
Häufig gestellte Fragen
Ist niedrig dosiertes ASS während der gesamten Schwangerschaft sicher?
Ja. In Dosen von 81–162 mg täglich gilt ASS von der 12. bis zur 36. SSW als sicher. Große Metaanalysen mit zehntausenden Schwangerschaften haben kein erhöhtes Risiko für relevante Blutungen, Plazentalösungen oder fetale Schäden gezeigt. ASS gehört zu den am besten untersuchten Medikamenten in der Schwangerschaft.
Kann ich ASS zur Prophylaxe rezeptfrei kaufen?
In vielen Ländern – auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz – ist ASS in niedriger Dosierung (z. B. 100 mg) rezeptfrei erhältlich. Die Einnahme zur Präeklampsie-Prophylaxe sollte aber ausschließlich unter Anleitung der betreuenden Ärztin oder des betreuenden Arztes erfolgen, der Ihre individuellen Risikofaktoren kennt. Verzichten Sie auf eine Selbstmedikation.
Was, wenn ich erst in der 20. SSW mit ASS beginne – lohnt sich das noch?
Ein Beginn nach der 16. SSW bringt weniger Nutzen als der frühe Start, doch laut USPSTF kann ASS bis zur 28. SSW initiiert werden, wenn Risikofaktoren erst später erkannt werden. Eine gewisse Risikoreduktion – insbesondere für die Termin-Präeklampsie – ist möglich. Besprechen Sie das Vorgehen mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Verhindert ASS eine Präeklampsie vollständig?
Nein. ASS reduziert das Risiko – vor allem für die Frühpräeklampsie –, beseitigt es aber nicht. Auch unter optimaler Prophylaxe entwickeln einzelne Schwangere eine Präeklampsie. Die kontinuierliche Schwangerschaftsvorsorge bleibt unverzichtbar.
Magensaftresistente oder unbeschichtete ASS-Tablette?
Beide Formulierungen sind akzeptabel. Magensaftresistentes ASS verursacht möglicherweise weniger Magenbeschwerden, was bei niedrigen Dosen jedoch selten ein Problem ist. Pharmakokinetische Daten sprechen für eine raschere Resorption unbeschichteter Präparate, ein klinisch relevanter Unterschied im Präeklampsie-Outcome ist allerdings nicht belegt.
Kann ASS mit Calcium kombiniert werden?
Ja. Die WHO empfiehlt eine Calciumsupplementation (1,5–2 g/Tag) in Populationen mit niedriger Calciumzufuhr zur Reduktion des Präeklampsierisikos. Diese kann mit niedrig dosiertem ASS kombiniert werden – beide Maßnahmen wirken über unterschiedliche Mechanismen und schließen einander nicht aus.
Beeinflusst ASS die Geburt oder die Periduralanästhesie?
Bei niedriger Dosis und Absetzen mit 36 SSW beeinträchtigt ASS die Sicherheit von Periduralanästhesie (PDA) oder Spinalanästhesie nicht relevant. Die meisten Anästhesieleitlinien betrachten niedrig dosiertes ASS nicht als Kontraindikation für rückenmarksnahe Verfahren. Wird ASS näher am Geburtstermin fortgeführt, sollten Sie das Timing mit der geburtshilflichen Anästhesie absprechen.
Ich hatte eine Präeklampsie in meiner letzten Schwangerschaft. Sollte ich diesmal definitiv ASS nehmen?
Eine anamnestische Präeklampsie ist ein Hochrisikofaktor; USPSTF, ACOG/DGGG und SMFM empfehlen ASS in Folgeschwangerschaften. Idealerweise besprechen Sie das bereits präkonzeptionell oder ganz früh in der Schwangerschaft, damit ASS spätestens zwischen der 12. und 16. SSW begonnen werden kann.
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Über den Autor
Dr. Stanislav Ozarchuk, PharmD, ist klinischer Pharmazeut mit über 15 Jahren Erfahrung in Arzneimittelsicherheit, evidenzbasierter Therapie und Patientenaufklärung. Für PillsCard.com verfasst und prüft er medizinische Fachtexte und übersetzt komplexe pharmazeutische Evidenz in klinisch präzise, verständliche Inhalte für Patientinnen, Patienten und Fachpersonal weltweit. Seine Schwerpunkte liegen auf leitliniengerechten Empfehlungen, transparenter Quellenangabe und Pharmakovigilanz – mit besonderem Augenmerk auf der sicheren Arzneimitteltherapie in Schwangerschaft und Stillzeit.
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