Ist Atorvastatin in der Schwangerschaft sicher? Was jede Frau wissen sollte
Das Wichtigste in Kürze
- Atorvastatin ist in der Schwangerschaft kontraindiziert und darf laut FDA-Fachinformation sowie den führenden internationalen Leitlinien von Schwangeren nicht eingenommen werden.
- Cholesterin ist für die fetale Entwicklung unverzichtbar; eine Hemmung seiner Biosynthese durch Statine birgt theoretische und in Einzelfällen beobachtete Risiken für angeborene Fehlbildungen.
- Frauen im gebärfähigen Alter unter Atorvastatin müssen eine zuverlässige Kontrazeption anwenden und das Medikament mindestens 1–3 Monate vor einem geplanten Konzeptionsversuch absetzen.
Warum sich Atorvastatin und Schwangerschaft ausschließen
Atorvastatin ist ein synthetischer HMG-CoA-Reduktase-Hemmer – umgangssprachlich „Statin" genannt –, der die plasmatische Konzentration des LDL-Cholesterins senkt, indem er das geschwindigkeitsbestimmende Enzym der hepatischen Cholesterinbiosynthese blockiert [2][4]. Das Präparat zählt zu den weltweit am häufigsten verordneten Arzneimitteln, mit einem klinischen Dosisbereich von 10–80 mg/Tag und einer LDL-Cholesterin-Reduktion von etwa 41–61 % je nach Dosierung [2][4]. Trotz seines hervorragenden kardiovaskulären Nutzen-Risiko-Profils bei nicht schwangeren Erwachsenen [3] besteht für Atorvastatin in der Schwangerschaft eine klare und eindeutige Kontraindikation.
Der Grund ist einleuchtend: Cholesterin und seine nachgeschalteten Metaboliten sind unverzichtbare Bausteine der fetalen Organogenese. Cholesterin ist struktureller Bestandteil jeder Zellmembran, Vorstufe der Steroidhormone (einschließlich Progesteron, das die Frühschwangerschaft aufrechterhält) und ein Schlüsselmolekül im Sonic-Hedgehog-(Shh-)Signalweg, der die Entwicklung von Gliedmaßen, Gehirn und Gesicht steuert. Eine Hemmung der Cholesterinsynthese während der Schwangerschaft kann daher fundamentale Entwicklungsprozesse stören. Aus diesem Grund hat die FDA (USA; DACH: BfArM/AGES/Swissmedic, EMA) zwar 2015 im Rahmen der Pregnancy and Lactation Labeling Rule (PLLR) die früheren Schwangerschaftskategorien (A, B, C, D, X) abgeschafft, die strenge Kontraindikation für alle Statine – einschließlich Atorvastatin – jedoch unverändert beibehalten [VERIFY].
Regulatorische Bewertung: Position von FDA, EMA und weiteren Behörden zu Atorvastatin in der Schwangerschaft
FDA (Vereinigte Staaten)
Vor der PLLR-Reklassifizierung war Atorvastatin als frühere Schwangerschaftskategorie X eingestuft – das bedeutet, dass tierexperimentelle oder humane Studien fetale Schädigungen gezeigt hatten und die Risiken jeden potenziellen Nutzen klar überwogen. Die aktuelle Fachinformation stellt fest, dass Atorvastatin bei Schwangeren oder Frauen, die schwanger werden können, kontraindiziert ist. Tritt unter laufender Therapie eine Schwangerschaft ein, muss die Behandlung sofort abgesetzt und die Patientin über die potenzielle Gefahr für den Fötus aufgeklärt werden [VERIFY].
EMA (Europäische Union)
Die Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (SmPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur für atorvastatinhaltige Präparate entspricht der FDA-Position: Das Arzneimittel ist in der Schwangerschaft kontraindiziert. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Therapie zuverlässig verhüten [VERIFY].
AWMF/NICE (Deutschland, Österreich, Schweiz / Vereinigtes Königreich)
Die AWMF-S3-Leitlinie zur kardiovaskulären Prävention sowie die NICE-Leitlinie CG181 zur Risikobewertung und -reduktion kardiovaskulärer Erkrankungen empfehlen, Statine mindestens drei Monate vor einem geplanten Konzeptionsversuch abzusetzen. Vor Therapiebeginn mit einem Statin sollte mit Frauen im reproduktionsfähigen Alter ausdrücklich über Kontrazeption gesprochen werden [VERIFY].
DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe)
Die Empfehlungen der DGGG zur Pharmakotherapie in der Schwangerschaft führen sämtliche Statine, einschließlich Atorvastatin, unter den in der Gravidität kontraindizierten Arzneimitteln. Die Fachgesellschaft erkennt an, dass es zu unbeabsichtigten Expositionen im ersten Trimenon kommt und die populationsbezogenen Daten zum tatsächlichen teratogenen Risiko begrenzt sind; das theoretische Risiko und der fehlende mütterliche Nutzen rechtfertigen jedoch die absolute Meidung [VERIFY].
WHO
Die Modellliste unentbehrlicher Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation enthält Statine für die kardiovaskuläre Prävention; die Formularhinweise der WHO weisen jedoch ausdrücklich auf die Kontraindikation in Schwangerschaft und Stillzeit hin [VERIFY].
Der regulatorische Konsens ist eindeutig: Atorvastatin sollte in keinem Stadium der Schwangerschaft eingesetzt werden.
Die Evidenz: Tierdaten, humane Fallberichte und Registerdaten
Präklinische Daten (Tierstudien)
Bei Ratten, die Atorvastatin in Dosierungen erhielten, die zu einer Plasmaexposition mehrfach über dem humantherapeutischen Bereich führten, wurden Skelettmissbildungen beobachtet. Bei Kaninchen waren maternale Toxizität, vermehrte fetale Resorptionen und Skelettvarianten dokumentiert. Diese Befunde trugen zur ursprünglichen Einstufung in Kategorie X bei [VERIFY].
Humandaten – was wissen wir tatsächlich?
Aus naheliegenden ethischen Gründen ist die humane Evidenzbasis begrenzt – keine randomisierte kontrollierte Studie hat Schwangere absichtlich gegenüber Statinen exponiert. Die vorhandenen Daten stammen aus:
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Post-Marketing-Surveillance und Schwangerschaftsregistern. Die größte publizierte Auswertung (Bateman et al., 2015) analysierte über 800 000 Schwangerschaften in einer US-amerikanischen Medicaid-Kohorte und fand nach Adjustierung für Störfaktoren keine statistisch signifikante Zunahme schwerer angeborener Fehlbildungen nach Statinexposition im ersten Trimenon [VERIFY]. Die Studie hatte jedoch keine ausreichende statistische Power für seltene Endpunkte, und die Autoren warnten ausdrücklich davor, die Ergebnisse als Sicherheitsnachweis zu deuten.
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Einzelne Fallberichte und kleine Fallserien. Frühere Berichte beschrieben Gliedmaßendefekte, Anomalien des zentralen Nervensystems und den sogenannten „Statin-Embryopathie"-Phänotyp (Mittelliniendefekte ähnlich dem Smith-Lemli-Opitz-Syndrom). Eine kausale Verknüpfung konnte jedoch nie zuverlässig belegt werden, und mehrere systematische Übersichtsarbeiten haben in Frage gestellt, ob die Fehlbildungsrate das Hintergrundrisiko der Allgemeinbevölkerung übersteigt [VERIFY].
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Das CHOLSTAT-Register und vergleichbare Initiativen. Freiwillige Register zur Erfassung von Schwangerschaftsausgängen nach unbeabsichtigter Statinexposition berichten überwiegend beruhigende Befunde; die Fallzahlen bleiben jedoch zu klein für endgültige Schlussfolgerungen [VERIFY].
Zusammenfassend bleibt die biologische Plausibilität einer Schädigung stark, auch wenn das beobachtete epidemiologische Signal beim Menschen schwächer ausfällt als ursprünglich befürchtet. Diese Unsicherheit – kombiniert mit dem Fehlen eines maternalen Nutzens, der sich nicht durch Aufschub der lipidsenkenden Therapie bis nach der Entbindung erzielen ließe – rechtfertigt die fortbestehende Kontraindikation.
Pharmakokinetik von Atorvastatin: Warum das Wirkstoffprofil in der Schwangerschaft relevant ist
Ein Verständnis der pharmakokinetischen Eigenschaften von Atorvastatin verdeutlicht, warum selbst eine kurze Exposition Anlass zur Sorge geben kann.
| Parameter | Wert | Klinische Bedeutung in der Schwangerschaft |
|---|---|---|
| Orale Bioverfügbarkeit | ~14 % (ausgeprägter First-Pass-Metabolismus) [2] | Eine geringe Bioverfügbarkeit schließt eine fetale Exposition nicht aus; aktive Metaboliten tragen zur systemischen HMG-CoA-Reduktase-Hemmung bei |
| Verteilungsvolumen | 381 L [2] | Großes Vd weist auf ausgedehnte Gewebeverteilung hin, einschließlich möglicher plazentarer Passage |
| Proteinbindung | > 98 % [2] | Hohe Eiweißbindung begrenzt die freie Wirkstofffraktion; die schwangerschaftsbedingte Hypoalbuminämie kann den ungebundenen Anteil jedoch erhöhen |
| Halbwertszeit (Muttersubstanz) | ~7 Stunden [2] | Relativ kurz; aktive Metaboliten verlängern die pharmakologische Wirkung jedoch auf 20–30 Stunden [4] |
| Metabolismus | CYP3A4 (primär); zusätzlich Laktonisierung und Glukuronidierung [2] | Die CYP3A4-Aktivität steigt in der Schwangerschaft, was das Metabolitenprofil verändern kann |
| Elimination | biliär (Hauptweg); renal < 1 % [2] | Eine minimale renale Ausscheidung macht eine Dosisanpassung an die schwangerschaftsbedingten GFR-Veränderungen irrelevant – das Medikament soll schlicht nicht eingesetzt werden |
Die zentrale Sorge besteht darin, dass Atorvastatin und seine aktiven Metaboliten biologische Membranen leicht durchdringen (die Muttersubstanz ist Substrat von P-Glykoprotein und OATP-C-Transportern) [2], wodurch ein plazentarer Übertritt biologisch plausibel ist. Daten aus ex-vivo-Perfusionsmodellen der humanen Plazenta bestätigen, dass Statine die Plazentaschranke passieren können, wobei das Ausmaß zwischen den einzelnen Statinen variiert [VERIFY].
Nebenwirkungen von Atorvastatin: allgemeines Sicherheitsprofil und schwangerschaftsspezifische Aspekte
Allgemeines Nebenwirkungsprofil
Bevor schwangerschaftsspezifische Risiken diskutiert werden, lohnt ein Blick auf das allgemeine Sicherheitsprofil – einige Nebenwirkungen können bei einer Schwangeren verstärkt auftreten oder eigene Konsequenzen haben.
| Nebenwirkung | Häufigkeit (Allgemeinbevölkerung) | Besondere Relevanz in der Schwangerschaft |
|---|---|---|
| Transaminasenerhöhung / Hepatotoxizität | Gelegentlich (0,5–2 %); seltene schwere DILI-Fälle berichtet [1][4] | Die Schwangerschaft verändert die Leberparameter physiologisch; eine DILI lässt sich nur schwer von HELLP-Syndrom oder intrahepatischer Schwangerschaftscholestase abgrenzen, was die Diagnose lebensbedrohlicher Zustände verzögern kann |
| Myalgie / Myopathie | Häufig (5–10 % der Patienten berichten Muskelbeschwerden) [4] | Muskelbeschwerden sind in der Schwangerschaft ohnehin häufig; eine statinbedingte Myopathie könnte fälschlich als normales Schwangerschaftsleiden eingeordnet werden |
| Rhabdomyolyse | Sehr selten (< 0,1 %) [4] | In der Schwangerschaft potenziell katastrophal, mit Risiko für akutes Nierenversagen und fetale Gefährdung |
| Gastrointestinale Beschwerden | Häufig [4] | Überschneidung mit schwangerschaftsbedingter Übelkeit und Erbrechen möglich |
| Gynäkomastie (bei Männern) | Seltene Fallberichte [5] | In der Schwangerschaft nicht relevant, illustriert aber die hormonellen Effekte von Statinen |
| Neu auftretender Diabetes | Geringe Zunahme bei Hochdosistherapie [VERIFY] | Das Screening auf Gestationsdiabetes kann dadurch verfälscht werden |
Eine arzneimittelinduzierte Leberschädigung (DILI) ist eine anerkannte Komplikation zahlreicher Arzneimittelklassen, einschließlich Statinen und weiteren kardiovaskulären Wirkstoffen [1]. In einer großen retrospektiven chinesischen Auswertung von 1 167 DILI-Patienten rangierten kardiovaskuläre Arzneimittel unter den häufigsten Auslösern; die Schädigungsmuster reichten von hepatozellulärer (30 %) über cholestatischer (8 %) bis hin zu gemischter (2 %) Form [1]. Die Untersuchung hat Atorvastatin nicht isoliert betrachtet, unterstreicht jedoch, dass die Hepatotoxizität ein realer – wenn auch seltener – Aspekt der Statintherapie ist, dem in einer ohnehin physiologisch veränderten Leberfunktion der Schwangerschaft besondere Bedeutung zukommt.
Schwangerschaftsspezifische theoretische Risiken
- Angeborene Fehlbildungen: Wie beschrieben kann die Hemmung cholesterinabhängiger Entwicklungswege (insbesondere des Shh-Signalwegs) zu Mittelliniendefekten, Gliedmaßenanomalien und ZNS-Fehlbildungen führen; eine starke kausale Evidenz beim Menschen fehlt jedoch.
- Fetale Wachstumsrestriktion: Cholesterin ist essenziell für die plazentare Steroidogenese. Eine beeinträchtigte Progesteronproduktion könnte die Plazentafunktion theoretisch kompromittieren.
- Frühgeburtlichkeit: Ältere Fallserien legten erhöhte Frühgeburtsraten unter Statinexposition nahe; eine adäquate Kontrolle für Begleiterkrankungen der Mutter (Adipositas, Diabetes, Hypertonie) fehlt jedoch [VERIFY].
Besondere Patientengruppen: Vorgehen vor, während und nach der Schwangerschaft
Vor der Schwangerschaft – Planung und Beratung
Jede Frau im gebärfähigen Alter, bei der eine Atorvastatin-Therapie eingeleitet wird, sollte klar beraten werden:
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Kontrazeption ist obligat. Während der gesamten Therapiedauer ist eine zuverlässige Verhütung erforderlich. AWMF- und NICE-Leitlinien empfehlen, Statine mindestens drei Monate vor einem geplanten Konzeptionsversuch abzusetzen, um eine vollständige Auswaschung des Wirkstoffs und seiner Metaboliten zu gewährleisten [VERIFY].
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Lipidstatus vor der Konzeption. Eine familiäre Hypercholesterinämie (FH) betrifft etwa 1 von 250 Personen. Frauen mit heterozygoter FH und Kinderwunsch sollten vor der Konzeption eine spezialisierte lipidologische Beratung erhalten, um eine Behandlungsstrategie für das therapiefreie Intervall festzulegen [VERIFY].
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Alternativen während der Schwangerschaft. Bei Frauen mit schwerer Hypercholesterinämie, die eine fortgesetzte Behandlung benötigen, gelten Gallensäurebinder (z. B. Colestyramin, Colesevelam) als die in der Schwangerschaft am ehesten vertretbaren Lipidsenker, da sie nicht systemisch resorbiert werden. Sie können jedoch die Resorption fettlöslicher Vitamine (A, D, E, K) beeinträchtigen und sollten unter fachärztlicher Aufsicht eingesetzt werden [VERIFY].
Während der Schwangerschaft – unbeabsichtigte Exposition
Eine unbeabsichtigte Exposition gegenüber Atorvastatin im ersten Trimenon ist nicht selten, da Statine weit verbreitet sind und etwa 50 % aller Schwangerschaften ungeplant eintreten [VERIFY]. Bei einer Exposition gilt:
- Atorvastatin sofort absetzen, sobald die Schwangerschaft bemerkt wird.
- Ruhe bewahren. Die aktuelle Evidenz reicht zwar nicht für eine Sicherheitsaussage, weist aber auch nicht auf ein dramatisch erhöhtes Fehlbildungsrisiko hin. Eine sachliche Beruhigung sollte gemeinsam mit der Überweisung zu einer detaillierten fetalen Anatomie-Sonografie erfolgen.
- Spezialisierte Beratung veranlassen. Eine Pränatalmedizinerin bzw. ein Pränatalmediziner kann eine individuelle Risikoeinschätzung vornehmen. Bei jeder Arzneimittelexposition in der Schwangerschaft empfiehlt sich zudem eine Beratung über das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum Embryotox der Charité Berlin (embryotox.de).
- Exposition dokumentieren. Die freiwillige Meldung an Schwangerschaftsregister und Pharmakovigilanz-Datenbanken (BfArM, EMA EudraVigilance, FDA MedWatch) trägt zum Erkenntnisgewinn bei.
Nach der Schwangerschaft – Wiederaufnahme der Therapie
Im Tiermodell wird Atorvastatin in die Muttermilch ausgeschieden; aufgrund des Potenzials schwerer Nebenwirkungen beim gestillten Säugling ist das Arzneimittel laut FDA-zugelassener Fachinformation auch in der Stillzeit kontraindiziert [VERIFY]. Die DGKJ (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin) stuft Statine nicht als mit dem Stillen vereinbar ein.
- Ist eine lipidsenkende Therapie postpartal dringend erforderlich, kommen Gallensäurebinder in Betracht oder – sofern vertretbar – ein Aufschub der Statintherapie bis nach dem Abstillen.
- Bei Frauen mit FH oder sehr hohem kardiovaskulärem Risiko kann eine partizipative Entscheidung über Nutzen und Risiken des Stillens gegenüber einer Statintherapie angezeigt sein.
Wirksamkeit von Atorvastatin im Kontext: warum der Nutzen real ist – nur nicht in der Schwangerschaft
Außerhalb der Schwangerschaft ist Atorvastatin ein außergewöhnlich wirksames und sehr gut untersuchtes Arzneimittel. Eine hochdosierte Atorvastatin-Vorbehandlung vor perkutaner Koronarintervention (PCI) reduziert die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (MACE) nach 30 Tagen signifikant (RR: 0,78; 95 % KI: 0,67–0,91) und senkt die Gesamtmortalität bei STEMI-Patienten (RR: 0,28; 95 % KI: 0,10–0,81) [3]. Die Kombination mit Ezetimib erreicht LDL-C-Reduktionen von 50–60 %; Ezetimib 10 mg plus Atorvastatin 10 mg bewirken eine LDL-C-Senkung, die der Monotherapie mit Atorvastatin 80 mg entspricht (~50–51 %) [6].
Diese Daten unterstreichen den Stellenwert einer Wiederaufnahme der Atorvastatin-Therapie nach Abschluss von Schwangerschaft und Stillzeit – insbesondere bei Frauen mit familiärer Hypercholesterinämie oder manifester atherosklerotischer Erkrankung. Das vorübergehende Absetzen während der Schwangerschaft hebt den langfristigen kardiovaskulären Nutzen einer Statintherapie nicht auf.
Häufige Fragen
F1: Ich habe zwei Wochen lang Atorvastatin eingenommen, ohne zu wissen, dass ich schwanger bin. Wird mein Kind Schaden nehmen? A1: Eine kurze, unbeabsichtigte Exposition im ersten Trimenon ist verständlicherweise beunruhigend, doch die verfügbaren – wenn auch begrenzten – epidemiologischen Daten zeigen keinen deutlich erhöhten Anstieg schwerer Fehlbildungen nach früher Statinexposition [VERIFY]. Setzen Sie das Medikament unverzüglich ab, informieren Sie Ihre Frauenärztin bzw. Ihren Frauenarzt und vereinbaren Sie eine detaillierte Anatomie-Sonografie zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche. Die meisten Frauen in dieser Situation haben einen weiterhin unauffälligen Schwangerschaftsverlauf.
F2: Kann ich stattdessen während der Schwangerschaft auf ein „sichereres" Statin umsteigen? A2: Nein. Sämtliche Statine – einschließlich Pravastatin, das in der Forschung gelegentlich als potenziell günstigeres Schwangerschaftsprofil diskutiert wird – sind nach FDA und EMA derzeit in der Schwangerschaft kontraindiziert. Pravastatin wurde in klinischen Studien zur Präeklampsie-Prävention untersucht, ist aber nicht für die Anwendung in der Schwangerschaft zugelassen [VERIFY]. Kein Statin sollte zur Lipidsenkung in der Schwangerschaft eingesetzt werden.
F3: Was kann ich gegen erhöhte Cholesterinwerte in der Schwangerschaft tun? A3: Gallensäurebinder wie Colestyramin oder Colesevelam sind die primäre pharmakologische Option, da sie nicht systemisch resorbiert werden. Diätetische Anpassungen (Reduktion gesättigter Fette, Erhöhung löslicher Ballaststoffe) und körperliche Bewegung gelten ebenfalls als Maßnahmen der ersten Wahl. Jede medikamentöse Therapie sollte ausschließlich unter fachärztlicher Anleitung eingeleitet werden [VERIFY].
F4: Wie lange vor einem geplanten Konzeptionsversuch sollte ich Atorvastatin absetzen? A4: Die NICE- und AWMF-Empfehlungen sehen ein Absetzen mindestens drei Monate vor dem geplanten Konzeptionsversuch vor [VERIFY]. Da die Halbwertszeit von Atorvastatin und seinen aktiven Metaboliten bei 20–30 Stunden liegt [4], wäre die Muttersubstanz selbst innerhalb etwa einer Woche eliminiert. Der dreimonatige Sicherheitsabstand erlaubt eine Normalisierung des Cholesterinstoffwechsels und stellt einen zusätzlichen Sicherheitspuffer dar. Besprechen Sie den Zeitplan mit der verordnenden Ärztin bzw. dem verordnenden Arzt, um in der Auswaschphase ein adäquates kardiovaskuläres Risikomanagement sicherzustellen.
F5: Ist Atorvastatin in der Stillzeit sicher? A5: Atorvastatin ist laut FDA-Fachinformation in der Stillzeit kontraindiziert. Tierdaten zeigen einen Übertritt in die Muttermilch; die verfügbaren Humandaten reichen für eine Sicherheitsaussage nicht aus. Wenn Sie während des Stillens eine lipidsenkende Therapie benötigen, besprechen Sie Alternativen mit Ihrer behandelnden Ärztin bzw. Ihrem behandelnden Arzt. Für viele Frauen ist der Aufschub der Statintherapie bis nach dem Abstillen der praktikabelste Weg [VERIFY].
Literatur
[1] Ma X, Chen Z, An J. Clinical therapeutics (2024). PMID:38821767. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38821767
[2] Lennernäs H. Clinical pharmacokinetics (2003). PMID:14531725. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/14531725
[3] García-Campa M, Flores-Ramírez R, Rojo-Garza S. PloS one (2024). PMID:38165842. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38165842
[4] Carpentier Y, Ducobu J, Sternon J. Revue medicale de Bruxelles (1999). PMID:10582478. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10582478
[5] Famularo G, Sarrecchia C. The Annals of pharmacotherapy (2021). PMID:33472378. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33472378
[6] Ballantyne CM, Houri J, Notarbartolo A. Circulation (2003). PMID:12719279. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12719279
Über den Autor
Dr. Stanislav Ozarchuk, PharmD, verfügt über 15 Jahre klinische Erfahrung in der Apothekenpraxis. Er schreibt für PillsCard.com, die internationale Arzneimittelenzyklopädie, mit besonderem Schwerpunkt auf kardiovaskulärer Pharmakotherapie, Lipidmanagement und Arzneimittelsicherheit in der Schwangerschaft.
Medizinischer Haftungsausschluss
Die hier bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich Bildungszwecken und ersetzen keine professionelle medizinische Beratung. Konsultieren Sie vor Beginn, Beendigung oder Änderung einer Medikation stets eine qualifizierte medizinische Fachperson (Ärztin/Arzt oder Apothekerin/Apotheker). In der Schwangerschaft oder bei Kinderwunsch wenden Sie sich zur individuellen Risikobewertung an das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum Embryotox der Charité Berlin (embryotox.de). Im medizinischen Notfall wählen Sie unverzüglich den Notruf 112.