Ambulant erworbene Pneumonie bei Kindern: Leitfaden zur Antibiotikawahl
Auf einen Blick
- Hochdosiertes Amoxicillin (80–90 mg/kg/Tag) bleibt die First-Line-Therapie der ambulant erworbenen typischen Pneumonie (CAP) bei vollständig geimpften Kindern in der ambulanten Versorgung.
- Ein Makrolid (Azithromycin) wird ergänzt, wenn atypische Erreger (Mycoplasma pneumoniae, Chlamydophila pneumoniae) vermutet werden — am häufigsten bei Schulkindern ab 5 Jahren.
- Die stationäre kalkulierte Therapie stützt sich auf i. v. Ampicillin oder Ceftriaxon; bei Verdacht auf atypische Pneumonie wird Azithromycin ergänzt.
- Die meisten unkomplizierten ambulanten CAP-Fälle heilen unter 5–7 Tagen oraler Antibiose aus; bei ausgewählten Patienten ist eine kürzere Therapiedauer evidenzbasiert vertretbar.
- Warnzeichen mit dringendem Handlungsbedarf: Atemnot, Sauerstoffsättigung <92 %, Trinkverweigerung, reduzierter Allgemeinzustand oder ausbleibende Besserung nach 48–72 Stunden adäquater Therapie.
Was ist eine ambulant erworbene Pneumonie bei Kindern?
Die ambulant erworbene Pneumonie (Community-Acquired Pneumonia, CAP) im Kindesalter ist eine akute Infektion des Lungenparenchyms, die außerhalb des Krankenhauses erworben wird. Klinisch zeigen sich Fieber, Husten, Tachypnoe und — bei jüngeren Kindern — häufig unspezifische Symptome wie Trinkschwäche oder Bauchschmerzen. Die Antibiotikawahl bei kindlicher Pneumonie richtet sich nach altersabhängigem Erregerspektrum, Impfstatus und klinischem Schweregrad.
Die CAP zählt weltweit zu den führenden Ursachen kindlicher Morbidität. In Hocheinkommensländern beträgt die jährliche Inzidenz bei Kindern unter 5 Jahren etwa 15–25 pro 1.000 Kinderjahre und sinkt bei älteren Kindern auf rund 5–10 pro 1.000. Die Hospitalisationsraten sind seit der breiten Einführung pneumokokkenkonjugatimpfstoffe (PCV13/PCV15/PCV20) deutlich zurückgegangen, Streptococcus pneumoniae bleibt jedoch über alle pädiatrischen Altersgruppen hinweg der dominierende bakterielle Erreger. Die wegweisende EPIC-Studie der US-CDC (Etiology of Pneumonia in the Community) zeigte, dass bei wegen CAP hospitalisierten Kindern weitaus häufiger respiratorische Viren als Bakterien nachgewiesen wurden — ein wichtiges Argument dafür, nicht jede Pneumonie antibiotisch zu behandeln und Antiinfektiva auf Fälle mit bakterieller Ätiologie oder mittelschwerer bis schwerer Verläufe zu beschränken.
Wichtige Erreger nach Altersgruppe
| Altersgruppe | Typisch bakteriell | Atypisch/Sonstige | Virale Dominanz |
|---|---|---|---|
| 1–3 Monate | S. pneumoniae, S. aureus, H. influenzae, B-Streptokokken (Restrisiko) | Chlamydia trachomatis (afebrile Pneumonitis) | RSV, Parainfluenza |
| 3 Monate–5 Jahre | S. pneumoniae (häufigster bakterieller Erreger), H. influenzae (nicht typisierbar), S. aureus | M. pneumoniae (selten, ab dem 3. Lebensjahr zunehmend) | RSV, Rhinoviren, Influenza, humanes Metapneumovirus |
| ≥5 Jahre | S. pneumoniae | M. pneumoniae (häufigster atypischer Erreger), C. pneumoniae | Influenza, Rhinoviren |
Kalkulierte Antibiotikatherapie: typische vs. atypische Erreger
Die Wahl des kalkulierten Regimes hängt von zwei klinischen Fragen ab: (1) Ist eine bakterielle Ätiologie wahrscheinlich? und (2) Handelt es sich eher um typische oder atypische Erreger?
Typische CAP — ambulante Therapie
Bei vermutet bakterieller CAP eines vollständig geimpften Kindes in ambulanter Behandlung empfehlen die Leitlinien der IDSA/Pediatric Infectious Diseases Society (PIDS), der British Thoracic Society (BTS) sowie die AWMF-S2k-Leitlinie zur Pneumonie bei Kindern und Jugendlichen hochdosiertes orales Amoxicillin als First-Line-Therapie. Die hohe Dosis (80–90 mg/kg/Tag) zielt darauf ab, in Mittelohr und Lunge Konzentrationen oberhalb der MHK von intermediär penicillinresistenten S.-pneumoniae-Serotypen zu erreichen — ein Aspekt, der trotz der Serotypenverschiebungen der PCV-Ära relevant bleibt.
Mittel der zweiten Wahl sind Amoxicillin/Clavulansäure (bei Verdacht auf β-Laktamase-bildenden H. influenzae), orales Cefuroxim oder orales Clindamycin (sofern die lokale S.-pneumoniae-Resistenzlage dies stützt).
Atypische CAP — ambulante Therapie
Eine atypische Pneumonie bei Kindern — insbesondere ab 5 Jahren mit schleichend einsetzendem Husten, subfebrilen Temperaturen, Kopfschmerzen und beidseitigen Infiltraten — rechtfertigt eine kalkulierte Makrolidtherapie. Azithromycin wird wegen der einmal täglichen Gabe, der kurzen Therapiedauer und guten Verträglichkeit bevorzugt. Alternativen sind Clarithromycin oder, bei älteren Jugendlichen, Doxycyclin.
Wann Azithromycin zusätzlich zu Amoxicillin? Vermutet die behandelnde Ärztin bzw. der behandelnde Arzt eine Mischinfektion oder lassen sich typische und atypische Verläufe klinisch nicht sicher abgrenzen, ist eine Kombinationstherapie (Amoxicillin + Azithromycin) sinnvoll — insbesondere bei Schulkindern mit mittelschwerer Symptomatik.
Vergleich der ambulanten kalkulierten Regime
| Klinische Konstellation | Mittel der ersten Wahl | Alternative | Zentrale Hinweise |
|---|---|---|---|
| Typische CAP, vollständig geimpft, leicht-mittelschwer | Amoxicillin (hochdosiert) | Amoxicillin/Clavulansäure; Cefuroxim | Erfasst S. pneumoniae einschließlich intermediärer Resistenz |
| Typische CAP, Penicillinallergie (nicht-anaphylaktisch) | Cefuroximaxetil oder Cefpodoxim | Clindamycin | Kreuzreaktivität der Cephalosporine gering (~1–2 %) |
| Typische CAP, Penicillinallergie (anaphylaktisch) | Clindamycin oder Levofloxacin | Linezolid (nur fachärztlich) | Alle β-Laktame meiden; Fluorchinolon nur ohne Alternative |
| Verdacht auf atypische CAP (≥5 Jahre) | Azithromycin | Clarithromycin; Doxycyclin (≥8 Jahre) | Charakteristisch: schleichender Beginn, trockener Husten, beidseitige Infiltrate |
| Mischinfektion oder unklare Ätiologie | Amoxicillin + Azithromycin | Amoxicillin/Clavulansäure + Azithromycin | Doppelabdeckung typischer und atypischer Erreger |
| Bakterielle Superinfektion bei Influenza | Amoxicillin/Clavulansäure oder Ceftriaxon i. m. | Oseltamivir bei nachgewiesener Influenza ergänzen | S.-aureus-Risiko in der Influenzasaison erhöht |
Gewichtsadaptierte Dosierung
In der pädiatrischen Verordnung ist eine exakte gewichtsadaptierte Dosierung essenziell. Die folgende Tabelle fasst die nach aktuellen Leitlinien empfohlenen Standarddosierungen zusammen.
| Antibiotikum | Applikation | Dosis (mg/kg/Tag) | Frequenz | Maximale Tagesdosis | Dauer |
|---|---|---|---|---|---|
| Amoxicillin (hochdosiert) | p. o. | 80–90 | 2× oder 3× täglich | 3 g | 5–7 Tage |
| Amoxicillin/Clavulansäure (Verhältnis 14:1 oder 7:1) | p. o. | 80–90 (bezogen auf Amoxicillin) | 2× täglich | 3 g (Amoxicillin) | 5–7 Tage |
| Azithromycin | p. o. | Tag 1: 10; danach 5 | 1× täglich | Tag 1: 500 mg; Tage 2–5: 250 mg | 5 Tage |
| Clarithromycin | p. o. | 15 | 2× täglich | 1 g | 7–10 Tage |
| Cefuroximaxetil | p. o. | 30 | 2× täglich | 1 g | 5–7 Tage |
| Clindamycin | p. o. | 30–40 | 3× täglich | 1,8 g | 7–10 Tage |
| Doxycyclin (≥8 Jahre) | p. o. | 2–4 | 2× täglich | 200 mg | 5–7 Tage |
| Ampicillin (stationär) | i. v. | 150–200 | alle 6 h | 12 g | Deeskalation bei Besserung |
| Ceftriaxon (stationär) | i. v./i. m. | 50–75 | 1× täglich oder 2× täglich | 2 g (4 g bei Meningitis) | Deeskalation bei Besserung |
Praxishinweis zu Amoxicillin-Zubereitungen: Die Suspension 400 mg/5 ml ermöglicht eine zweimal tägliche Gabe und verbessert die Therapietreue. Für ein 20 kg schweres Kind beträgt die Tagesdosis bei 90 mg/kg/Tag 1.800 mg — also 900 mg (11,25 ml der 400 mg/5 ml-Suspension) zweimal täglich. Verfügbare Zubereitungen sind stets im jeweiligen Land (DE/AT/CH) zu prüfen.
Stationäre kalkulierte Therapie
Eine Hospitalisierung ist bei mittelschwerer bis schwerer CAP indiziert — bei Atemnot, Hypoxämie (SpO₂ <92 %), oraler Therapieunverträglichkeit, reduziertem Allgemeinzustand oder kompliziertem Verlauf (Erguss, Empyem, nekrotisierende Pneumonie).
First-Line-Therapie der stationären typischen CAP:
- Ampicillin i. v. (150–200 mg/kg/Tag, verteilt auf alle 6 h) — bevorzugt bei vollständig geimpften Kindern in Regionen mit niedriger Rate hochgradig penicillinresistenter Pneumokokken.
- Ceftriaxon i. v. (50–75 mg/kg/Tag, einmal täglich) — bevorzugt, wenn eine breitere gramnegative Abdeckung erforderlich ist oder lokal hohe Pneumokokkenresistenzen bestehen.
Wann zusätzlich Azithromycin stationär?
Azithromycin wird i. v. oder p. o. (Tag 1: 10 mg/kg, Tage 2–5: 5 mg/kg) ergänzt, wenn die Klinik auf eine atypische Pneumonie hinweist oder ein Kind ≥5 Jahre Symptome zeigt, die mit einer Mycoplasma-Infektion vereinbar sind. Die IDSA/PIDS-Leitlinien empfehlen die Makrolidergänzung bei Verdacht auf atypische Erreger — nicht routinemäßig bei allen stationären Patienten.
Komplizierte CAP (Empyem, Lungenabszess, nekrotisierende Pneumonie): Hier sind breiter wirksame Regime erforderlich — typischerweise Ceftriaxon oder Cefotaxim i. v. plus Clindamycin (bzw. Vancomycin bei MRSA-Verdacht). Eine pädiatrisch-infektiologische Konsiliarberatung ist dringend anzuraten.
Nebenwirkungen, Monitoring und Antibiotic Stewardship
Häufige Nebenwirkungen
- Amoxicillin / Amoxicillin/Clavulansäure: Diarrhö (häufiger unter Clavulansäure), Übelkeit, makulopapulöses Exanthem (das nicht-allergische Amoxicillin-Exanthem tritt bei etwa 5–10 % der Kinder auf und schließt eine erneute Anwendung nicht aus). Selten: Anaphylaxie, Clostridioides-difficile-Infektion.
- Azithromycin: Bauchschmerzen, Diarrhö, Übelkeit. Selten, aber relevant: QT-Verlängerung — bei bekanntem Long-QT-Syndrom oder gleichzeitiger Einnahme QT-verlängernder Substanzen meiden.
- Clindamycin: Diarrhö, C.-difficile-assoziierte Kolitis (auf blutige oder anhaltende Diarrhö achten). Metallischer Geschmack.
- Ceftriaxon: Schmerzen an der Injektionsstelle (i. m.), Gallengries bei Langzeitanwendung. Kontraindiziert bei Neugeborenen, die kalziumhaltige Infusionen i. v. erhalten (Risiko tödlicher Ceftriaxon-Calcium-Präzipitate).
Empfehlungen zum Monitoring
- Klinisches Ansprechen: Eine Entfieberung und Symptombesserung ist innerhalb von 48–72 Stunden unter adäquater Antibiose zu erwarten. Bleibt sie aus, ist eine Reevaluation erforderlich — zu erwägen sind resistente Erreger, ein Empyem, virale Genese oder eine alternative Diagnose.
- Eine routinemäßige Kontroll-Röntgenaufnahme des Thorax wird bei klinisch ausheilender, unkomplizierter CAP nicht empfohlen (IDSA/PIDS, BTS). Eine erneute Bildgebung ist komplizierten Verläufen, persistierenden Symptomen oder rund- bzw. raumforderungsähnlichen Befunden vorbehalten.
- Blutkulturen sind bei ambulanter CAP nicht routinemäßig erforderlich, sollten jedoch vor Antibiotikagabe bei jedem hospitalisierungsbedürftigen Kind abgenommen werden.
Stewardship-Aspekte
Der übermäßige Einsatz von Breitspektrumantibiotika treibt die Resistenzentwicklung. Zentrale Prinzipien:
- Keine antibiotische Therapie bei gesicherter viraler Pneumonie in klinisch unauffälligen, vollständig geimpften Vorschulkindern. Eine supportive Behandlung ist ausreichend.
- Schmalspektrumantibiotika bevorzugen — Amoxicillin vor Amoxicillin/Clavulansäure, Ampicillin vor Ceftriaxon, sofern keine klinischen Gründe dagegen sprechen.
- Kürzeste wirksame Therapiedauer: Die SCOUT-CAP-Studie zeigte, dass eine 5-tägige Amoxicillin-Therapie einer 10-tägigen bei ambulanter pädiatrischer CAP nicht unterlegen ist — ein Beleg für kürzere Therapiedauern in unkomplizierten Fällen mit frühem klinischem Ansprechen.
Kontraindikationen und Arzneimittelinteraktionen
| Substanz | Wesentliche Kontraindikationen | Wichtige Interaktionen |
|---|---|---|
| Amoxicillin | Dokumentierte Penicillin-Anaphylaxie; infektiöse Mononukleose (Exanthemrisiko) | Methotrexat (gesteigerte Toxizität); Warfarin/Phenprocoumon (INR-Anstieg) |
| Amoxicillin/Clavulansäure | Wie Amoxicillin; schwere Leberinsuffizienz (clavulansäurebedingte cholestatische Hepatitis) | Wie Amoxicillin |
| Azithromycin | Cholestatischer Ikterus/Leberfunktionsstörung nach früherer Azithromycin-Einnahme; bekannte QT-Verlängerung | QT-verlängernde Arzneimittel (Ondansetron, Fluconazol); Statine (Rhabdomyolyse-Risiko); Nelfinavir |
| Clindamycin | C.-difficile-Kolitis in der Anamnese; Überempfindlichkeit | Neuromuskulär blockierende Substanzen (verstärkte Blockade); Erythromycin (Antagonismus — nicht kombinieren) |
| Ceftriaxon | Neugeborene mit Hyperbilirubinämie oder kalziumhaltiger i. v.-Therapie; dokumentierte Cephalosporin-Anaphylaxie | Kalziumhaltige Infusionen (Neugeborene); nicht in derselben Leitung mit Ringer-Laktat |
| Doxycyclin | Kinder <8 Jahre (Zahnverfärbung — neuere Daten lassen kurze Therapien als vertretbar erscheinen) | Antazida, Eisen, Kalzium (verminderte Resorption); Isotretinoin (Pseudotumor-cerebri-Risiko) |
Besondere Patientengruppen
Neugeborene und junge Säuglinge (<3 Monate)
In dieser Altersgruppe ist die Pneumonie mit einer erheblichen Morbidität und Mortalität verbunden. Erreger sind unter anderem B-Streptokokken, Escherichia coli, Listeria monocytogenes, S. aureus und Chlamydia trachomatis. Alle febrilen Säuglinge <3 Monate mit Pneumonieverdacht sind stationär aufzunehmen und i. v. zu behandeln (typischerweise Ampicillin + Gentamicin oder Ampicillin + Cefotaxim) bis zum Vorliegen der Kulturergebnisse. Eine afebrile Pneumonitis mit stakkatoartigem Husten bei Säuglingen im Alter von 1–3 Monaten ist verdächtig auf C. trachomatis und wird mit oralem Azithromycin behandelt (20 mg/kg/Tag über 3 Tage oder 10 mg/kg/Tag über 5 Tage gemäß Empfehlungen der DGKJ in Anlehnung an die AAP).
Immungeschwächte Kinder
Kinder mit primärem Immundefekt, Malignomen, Organ- oder hämatopoetischer Stammzelltransplantation oder HIV benötigen eine breitere kalkulierte Therapie und eine frühzeitige infektiologische Konsiliarberatung. Neben den üblichen bakteriellen und viralen Erregern sind Pneumocystis jirovecii, Pilze und atypische Mykobakterien zu bedenken.
Kinder mit chronischer Lungenerkrankung oder neuromuskulären Erkrankungen
Diese Kinder haben ein erhöhtes Risiko für Aspirationspneumonien und Infektionen mit gramnegativen Erregern. Die kalkulierte Therapie sollte gramnegative Erreger (z. B. mit Amoxicillin/Clavulansäure oder einem Cephalosporin der 3. Generation) und bei Aspirationsverdacht zusätzlich Anaerobier abdecken.
Unvollständig geimpfte Kinder
Kinder ohne altersgerechte Pneumokokken- und Haemophilus-influenzae-Typ-b-Impfung (Hib) tragen ein höheres Risiko für invasive bakterielle Pneumonien. Die Schwelle für stationäre Aufnahme, Blutkulturen und eine breitere kalkulierte Antibiose (Ceftriaxon bevorzugt vor Ampicillin) sollte niedriger angesetzt werden.
Warnzeichen — wann ist sofortige medizinische Hilfe nötig?
Eltern und Betreuungspersonen sollten umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn ein Kind mit Pneumonie eines der folgenden Symptome zeigt:
- Atemnot: Nasenflügeln, thorakale Einziehungen (interkostal, subkostal, suprasternal), Stöhnen
- Sauerstoffsättigung <92 % unter Raumluft (oder Zyanose unabhängig vom Setting)
- Apnoen oder unregelmäßige Atmung — insbesondere bei Säuglingen
- Trink- oder Nahrungsverweigerung — Dehydratationsrisiko
- Schwer krankes oder lethargisches Erscheinungsbild — verminderte Reaktionsfähigkeit, untröstliche Reizbarkeit
- Anhaltend hohes Fieber (>39 °C) ohne Ansprechen auf Antipyretika über mehr als 72 Stunden trotz Antibiose
- Verschlechterung nach 48–72 Stunden adäquater oraler Antibiotikatherapie
- Hinweise auf eine komplizierte Pneumonie: atemabhängiger Thoraxschmerz, größerer Pleuraerguss, Hämoptyse
Klinischer Hinweis: Tachypnoe — eine Atemfrequenz oberhalb der altersspezifischen Normwerte (≥60/min bei Säuglingen <2 Monate, ≥50/min bei Säuglingen 2–12 Monate, ≥40/min bei Kindern 1–5 Jahre, ≥20/min bei Kindern >5 Jahre) — ist gemäß WHO das einzelne sensitivste klinische Zeichen einer Pneumonie bei kleinen Kindern.
Häufig gestellte Fragen
1. Kann eine virale Pneumonie bei Kindern mit Antibiotika behandelt werden?
Nein. Eine reine Viruspneumonie spricht nicht auf Antibiotika an, und ihre unnötige Verordnung trägt zur Resistenzentwicklung bei. Bei klinisch unauffälligen, vollständig geimpften Vorschulkindern mit klinischen und radiologischen Befunden, die mit einer viralen Infektion der unteren Atemwege vereinbar sind, ist eine supportive Behandlung (Flüssigkeitszufuhr, Antipyretika, bei Bedarf Sauerstoffgabe) ausreichend. Antibiotika sind nur indiziert, wenn eine bakterielle Koinfektion vermutet wird oder sich der Zustand des Kindes verschlechtert.
2. Warum wird hochdosiertes Amoxicillin und nicht die Standarddosierung empfohlen?
Hochdosiertes Amoxicillin (80–90 mg/kg/Tag) erreicht im Serum und Gewebe Konzentrationen, die die MHK intermediär penicillinresistenter S. pneumoniae überschreiten. Die Standarddosierung (40–50 mg/kg/Tag) kann gegen diese Stämme versagen. Da Pneumokokkenresistenzen regional variieren, intermediäre Resistenzen jedoch verbreitet sind, gilt hochdosiertes Amoxicillin heute als Therapiestandard der kalkulierten CAP-Behandlung bei Kindern.
3. Wie lange sollte bei unkomplizierter ambulanter CAP antibiotisch behandelt werden?
Aktuelle Daten — einschließlich der randomisierten SCOUT-CAP-Studie — sprechen für 5 Tage als wirksame Therapiedauer bei unkomplizierter ambulanter pädiatrischer CAP unter Amoxicillin, sofern bis Tag 3–4 eine deutliche klinische Besserung eintritt. Einige Leitlinien empfehlen weiterhin 7–10 Tage; die klinische Beurteilung bleibt entscheidend. Komplizierte Verläufe (Empyem, Abszess) erfordern längere Therapien, häufig 2–4 Wochen.
4. Wann sollte Azithromycin statt Amoxicillin eingesetzt werden?
Azithromycin wird bevorzugt, wenn eine atypische Pneumonie die wahrscheinlichste Diagnose ist — typischerweise bei Schulkindern (≥5 Jahre) mit subakutem trockenem Husten, subfebrilen Temperaturen, Kopfschmerzen und beidseitigen interstitiellen Infiltraten. Es ist kein Ersatz für Amoxicillin in der Behandlung von S. pneumoniae, da die Makrolidresistenz unter Pneumokokken in vielen Regionen 30–40 % übersteigt.
5. Ist Doxycyclin bei Kindern unter 8 Jahren sicher?
Tetracycline wurden traditionell bei Kindern <8 Jahre wegen der Zahnverfärbung gemieden. Die AAP weist jedoch darauf hin, dass Doxycyclin — anders als ältere Tetracycline — Kalzium weniger stark bindet und kurze Therapien (≤21 Tage) klinisch relevante Zahnverfärbungen unwahrscheinlich machen. Doxycyclin kann bei Kindern jeden Alters erwogen werden, wenn der Nutzen das Risiko überwiegt und keine Alternativen verfügbar sind; die Entscheidung sollte gemeinsam mit den Sorgeberechtigten getroffen werden.
6. Sollte bei jedem Kind mit Pneumonieverdacht eine Röntgenaufnahme des Thorax erfolgen?
Nicht zwingend. Bei leicht- bis mittelgradig erkrankten Kindern in ambulanter Behandlung ist gemäß IDSA/PIDS und BTS eine klinische Diagnose ohne Röntgen vertretbar. Eine Röntgenaufnahme des Thorax wird bei diagnostischer Unsicherheit, Hospitalisierungsbedürftigkeit oder Verdacht auf eine komplizierte Pneumonie empfohlen. Eine Verlaufskontrolle mittels Röntgen ist bei klinisch ausheilenden, unkomplizierten Verläufen nicht erforderlich.
7. Was tun, wenn sich mein Kind nach 48–72 Stunden Antibiose nicht bessert?
Eine ausbleibende Besserung erfordert eine ärztliche Reevaluation. Zu erwägen sind: ein zu schmales Antibiotikaspektrum (z. B. nicht erfasster atypischer Erreger), ein resistenter Erreger, eine Komplikation (parapneumonischer Erguss, Empyem) oder eine gänzlich andere Diagnose (Fremdkörper, Tuberkulose, Malignom). Weitere Untersuchungen können eine erneute Bildgebung des Thorax, Blutkulturen und Entzündungsparameter umfassen.
8. Können Probiotika eine antibiotikaassoziierte Diarrhö während der Pneumoniebehandlung verhindern?
Es gibt Hinweise, dass ausgewählte Probiotikastämme (z. B. Lactobacillus rhamnosus GG, Saccharomyces boulardii) die antibiotikaassoziierte Diarrhö bei Kindern reduzieren können. Bei immungeschwächten Kindern oder Kindern mit zentralvenösen Kathetern dürfen Probiotika jedoch nicht verabreicht werden, da sie probiotikaassoziierte Bakteriämien auslösen können. Sprechen Sie vor einer Anwendung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt Ihres Kindes.
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Über den Autor
Dr. Stanislav Ozarchuk, PharmD, ist klinischer Pharmazeut mit 15 Jahren Erfahrung in stationärer, ambulanter und akademischer Pharmazie. Er hält den Doktor der Pharmazie und hat in seiner Laufbahn maßgeblich an Antibiotic-Stewardship-Programmen, am Formularmanagement sowie an Initiativen zur Patientenaufklärung mitgewirkt. Für PillsCard.com schreibt Dr. Ozarchuk mit dem Schwerpunkt, komplexe pharmakotherapeutische Evidenz — insbesondere zur rationalen Antibiotikatherapie im Kindesalter — in praxisnahe, leitlinienbasierte Empfehlungen für Patientinnen, Patienten und medizinische Fachkreise zu übersetzen.
Medizinischer Haftungsausschluss
Die Inhalte dieses Beitrags dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Aufklärung und ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapie. Auswahl und Dosierung von Antibiotika bei kindlicher Pneumonie müssen individuell anhand von Alter, Gewicht, Allergieanamnese, lokaler Resistenzlage, Impfstatus und klinischem Schweregrad festgelegt werden. Konsultieren Sie stets eine qualifizierte medizinische Fachperson, bevor Sie ein Arzneimittel beginnen, absetzen oder umstellen. Bei Atemnot, anhaltend hohem Fieber oder einem der oben beschriebenen Warnzeichen verständigen Sie sofort den Notruf 112 (Deutschland/Österreich) bzw. 144 (Schweiz) oder suchen Sie unverzüglich eine Notaufnahme auf. PillsCard.com und die Autorinnen und Autoren übernehmen keine Haftung für Handlungen, die auf Grundlage dieser Inhalte erfolgen.