Streptokokken-Angina bei Kindern: Antibiotikawahl, Dosierung und Therapiedauer
Das Wichtigste in Kürze
- Amoxicillin 50 mg/kg/Tag (max. 1 000 mg/Tag) über 10 Tage bleibt gemäß IDSA (USA; DACH: AWMF-S2k-Leitlinie „Halsschmerzen", DGPI, DGKJ) sowie der American Academy of Pediatrics (AAP; DACH-Pendant: DGKJ) die Erstlinientherapie bei der Streptokokken-Angina im Kindesalter.
- Penicillin V ist gleich wirksam, geschmacklich jedoch weniger akzeptiert; beide Substanzen erreichen bei vollständiger Therapie eine bakteriologische Eradikationsrate von über 90 %.
- Bei Penicillinallergie sind Cefalexin (sofern keine Anaphylaxie in der Anamnese), Azithromycin oder Clindamycin leitliniengerechte Alternativen.
- Vor Therapiebeginn sollte ein positiver Streptokokken-Schnelltest (RADT) oder eine Rachenkultur vorliegen — eine empirische Behandlung ist in den meisten Settings zu vermeiden.
- Verkürzte Regime (5–6 Tage) sind durch die aktuelle Evidenzlage nicht ausreichend gestützt, um das Standard-10-Tage-Schema bei einer Pharyngitis durch Gruppe-A-Streptokokken (GAS) zu ersetzen.
Was ist eine Streptokokken-Angina und warum ist sie bei Kindern relevant?
Gruppe-A-Streptokokken (GAS), formal Streptococcus pyogenes, sind die häufigste bakterielle Ursache einer akuten Pharyngitis bei Kindern im Schulalter. Sie verursachen rund 20–30 % der Halsschmerz-Konsultationen bei Kindern zwischen 5 und 15 Jahren, gegenüber lediglich 5–15 % bei Erwachsenen. Die übrigen Fälle sind ganz überwiegend viraler Genese — und genau deshalb ist eine gesicherte Diagnostik vor jeder Verordnung essenziell.
Die Antibiotikatherapie der Streptokokken-Angina im Kindesalter dient nicht primär der Symptomlinderung — auch wenn Antibiotika Fieber und Halsschmerzen um etwa einen Tag verkürzen. Vorrangiges Ziel ist die Prävention des akuten rheumatischen Fiebers (ARF), einer nicht-suppurativen Komplikation, die zu bleibenden Herzklappenschäden führen kann. Sekundäre Ziele sind die Vermeidung des Peritonsillarabszesses, die Reduktion der Übertragung sowie die raschere Wiedereingliederung in Kita oder Schule.
Die GAS-Pharyngitis ist vor dem 3. Lebensjahr selten und erreicht ihren Häufigkeitsgipfel zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr. Die Übertragung erfolgt über Tröpfchen, die Inkubationszeit beträgt 2–5 Tage. Klassische Symptome sind plötzlich einsetzende Halsschmerzen, Fieber ≥38,3 °C, Tonsillenexsudate, schmerzhaft vergrößerte vordere Halslymphknoten sowie das Fehlen von Husten — letzteres ist ein wertvoller klinischer Hinweis zur Abgrenzung gegenüber viralen Atemwegsinfektionen.
Diagnostik: Erst testen, dann behandeln
Sowohl die IDSA-Leitlinie 2012 als auch die Empfehlungen der AAP (DGKJ-Pendant) und der deutschen AWMF-S2k-Leitlinie betonen, dass klinische Scores allein (z. B. Centor- oder McIsaac-Score) nicht ausreichen, um eine GAS-Pharyngitis bei Kindern zu sichern. Ein mikrobiologischer Nachweis ist erforderlich.
Schnellantigentests (RADT) weisen eine Spezifität von über 95 % auf — ein positives Ergebnis bei einem symptomatischen Kind rechtfertigt daher den Therapiebeginn. Die Sensitivität liegt allerdings bei 70–90 %, sodass ein negativer Schnelltest beim Kind durch eine Rachenkultur abgesichert werden sollte, bevor auf Antibiotika verzichtet wird. Die NICE-Leitlinie NG84 (UK; in Deutschland korrespondiert die AWMF-Leitlinie 053-010) verfolgt einen etwas zurückhaltenderen Ansatz und empfiehlt bei niedrigem Risiko ein verzögertes oder gänzlich verzichtetes Antibiotikarezept, betont jedoch ebenfalls die Behandlungsindikation bei nachgewiesener GAS-Infektion.
| Diagnostisches Verfahren | Sensitivität | Spezifität | Befundzeit | Indikation |
|---|---|---|---|---|
| RADT (Immunoassay) | 70–90 % | >95 % | 5–10 Minuten | Erstlinie in der Praxis; Therapie bei positivem Befund |
| Rachenkultur | 90–95 % (Goldstandard) | ~99 % | 24–48 Stunden | Bestätigung bei negativem RADT im Kindesalter |
| Molekulargenetik (PCR-basierter RADT) | 95–99 % | 96–99 % | 8–15 Minuten | zunehmend verfügbar; ggf. ohne Kulturbestätigung |
Wichtig: Bei Kindern unter 3 Jahren sind Testung und Therapie der GAS-Pharyngitis routinemäßig nicht indiziert, sofern kein eindeutiger epidemiologischer Bezug besteht (z. B. gesicherter GAS-Kontakt im Haushalt). Das ARF ist in dieser Altersgruppe ausgesprochen selten, eine GAS-Trägerschaft ohne echte Infektion hingegen häufig.
Erstlinientherapie: Amoxicillin vs. Penicillin V
Die IDSA-Leitlinie 2012, getragen auch von AAP und American Heart Association (AHA; DACH-Pendant: DGK), empfiehlt orales Penicillin V oder orales Amoxicillin als Erstlinientherapie. Beide Substanzen wirken über denselben Mechanismus — Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese durch Bindung an Penicillin-bindende Proteine — und GAS sind weltweit weiterhin uneingeschränkt empfindlich gegenüber Beta-Lactamen. Ein klinisch relevanter, penicillinresistenter GAS-Stamm wurde bislang nie dokumentiert.
In der Praxis hat Amoxicillin Penicillin V als bevorzugte Substanz in der pädiatrischen Streptokokken-Therapie weitgehend abgelöst — aus folgenden praktischen Gründen:
- Geschmack: Die Amoxicillin-Suspension wird besser akzeptiert und verbessert dadurch die Adhärenz bei jungen Kindern.
- Einmalgabe möglich: Amoxicillin 50 mg/kg einmal täglich (max. 1 000 mg) hat sich in klinischen Studien als nicht unterlegen gegenüber der geteilten Gabe erwiesen, was die Therapietreue weiter erleichtert.
- Kosten und Verfügbarkeit: Generisches Amoxicillin als Suspension ist preiswert und in DACH flächendeckend verfügbar.
Penicillin V bleibt eine vollwertige Alternative — die IDSA-Leitlinie führt beide Substanzen als gleichwertige Erstlinienoptionen. Allerdings muss Penicillin V zwei- bis dreimal täglich gegeben werden, und seine Suspension ist geschmacklich weniger akzeptiert. Intramuskuläres Benzathinpenicillin G ist Situationen vorbehalten, in denen die orale Adhärenz nicht sichergestellt werden kann.
Penicillin vs. Amoxicillin: direkter Vergleich
| Parameter | Amoxicillin (oral) | Penicillin V (oral) | Benzathinpenicillin G (i.m.) |
|---|---|---|---|
| Dosis | 50 mg/kg/Tag (max. 1 000 mg/Tag) | <27 kg: 250 mg 2–3×/Tag; ≥27 kg: 500 mg 2–3×/Tag | <27 kg: 600 000 IE ×1; ≥27 kg: 1 200 000 IE ×1 |
| Dosierungsfrequenz | einmal täglich oder geteilt 2× | 2- bis 3-mal täglich | Einzelinjektion |
| Therapiedauer | 10 Tage | 10 Tage | einmalig |
| Bakteriologische Eradikation | ~90 % | ~90 % | ~95 % |
| Geschmack (Suspension) | gut (Beere/Kaugummi) | schlecht (bitter) | nicht zutreffend |
| Adhärenz-Hürde | gering | mittel | keine |
| Kosten (generisch) | niedrig | niedrig | niedrig |
Klinisches Fazit: Für die meisten Kinder mit gesicherter GAS-Pharyngitis ist Amoxicillin 50 mg/kg einmal täglich (max. 1 000 mg) oder 25 mg/kg zweimal täglich (max. 500 mg pro Einzeldosis) über 10 Tage das praktikabelste Erstlinienschema.
Dosierungsdetails: präzise verordnen
Fehler bei der gewichtsadaptierten Dosierung gehören zu den Hauptursachen für Therapieversagen und vermeidbare Nebenwirkungen in der pädiatrischen Pharmakotherapie. Die folgende Tabelle fasst praxisrelevante Dosierungen für Erstlinien- und Alternativsubstanzen zusammen.
Vollständige Dosierungstabelle für die GAS-Pharyngitis im Kindesalter
| Wirkstoff | Dosis | Frequenz | Dauer | Tageshöchstdosis | Hinweise |
|---|---|---|---|---|---|
| Amoxicillin | 50 mg/kg/Tag | einmal täglich oder geteilt 2× | 10 Tage | 1 000 mg | Erstlinie; bester Geschmack |
| Penicillin V | 250 mg (<27 kg) bzw. 500 mg (≥27 kg) | 2–3×/Tag | 10 Tage | 1 500 mg (3×/Tag) | gleich wirksam; bitterer Geschmack |
| Benzathinpenicillin G | 600 000 IE (<27 kg) bzw. 1 200 000 IE (≥27 kg) | i.m. einmalig | einmalig | — | bei unsicherer Adhärenz |
| Cefalexin | 20 mg/kg pro Einzeldosis | 2×/Tag | 10 Tage | 500 mg/Einzeldosis | nicht-anaphylaktische Penicillinallergie |
| Cefadroxil | 30 mg/kg/Tag | einmal täglich | 10 Tage | 1 000 mg | alternatives Cephalosporin der 1. Generation |
| Azithromycin | 12 mg/kg Tag 1, dann 6 mg/kg Tag 2–5 | einmal täglich | 5 Tage | 500 mg Tag 1; 250 mg Tag 2–5 | zunehmende GAS-Resistenz (regional bis 15 %) |
| Clindamycin | 7 mg/kg pro Einzeldosis | 3×/Tag | 10 Tage | 300 mg/Einzeldosis | schwere Penicillinallergie; gastrointestinale Nebenwirkungen |
Praxistipps:
- Suspension vor jeder Einnahme gut schütteln — Amoxicillin-Partikel setzen sich rasch ab.
- Amoxicillin kann mit oder ohne Mahlzeit eingenommen werden; die Einnahme zur Mahlzeit kann gastrointestinale Beschwerden mindern.
- Rekonstituierte Suspensionen kühl lagern (2–8 °C) und nach 14 Tagen verwerfen.
- Wird eine Dosis vergessen, sollte sie nachgeholt werden, sofern die nächste planmäßige Gabe nicht unmittelbar bevorsteht — keine doppelte Dosis geben.
Die 10-Tage-Frage: Warum nicht kürzer?
Eltern fragen häufig, ob 10 Tage Antibiotikatherapie wirklich erforderlich sind. Die Begründung ist gut belegt: 10 Tage einer penicillinhaltigen Therapie sind die kürzeste Dauer, mit der GAS zuverlässig aus dem Pharynx eradiziert und ein ARF verhindert werden kann. Dies wurde in wegweisenden Studien aus den 1950er-Jahren gezeigt und in späteren Metaanalysen bestätigt.
Verkürzte Regime (5–6 Tage) mit Amoxicillin, verschiedenen Cephalosporinen und Azithromycin wurden untersucht. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von Altamimi et al. (2012) zeigte für Kurzzeitregime ähnliche klinische Heilungsraten bei der Symptombesserung, aber keine konsistente Gleichwertigkeit zur 10-tägigen Penicillingabe hinsichtlich der bakteriologischen Eradikation. Die IDSA-Leitlinie 2012 wertete diese Evidenz aus und kam zu dem Schluss, dass die Daten — insbesondere mit Blick auf die ARF-Prävention — nicht ausreichen, um Kurzzeitregime als Standard zu empfehlen.
Das 5-Tage-Schema von Azithromycin ist eine Ausnahme — die lange Gewebshalbwertszeit gewährleistet therapeutische Spiegel weit über das Dosierungsintervall hinaus. Azithromycin ist jedoch wegen variabler GAS-Resistenzraten (5–15 % in vielen Regionen, regional auch höher) Zweitlinienoption.
Fazit: Bis weitere hochwertige Studien eine Nicht-Unterlegenheit für die ARF-Prävention belegen, bleibt die 10-tägige Therapie der Standard — gemäß IDSA, AAP/DGKJ und AHA/DGK.
Penicillinallergie: die richtige Alternative wählen
Eine angegebene Penicillinallergie betrifft etwa 8–10 % der pädiatrischen Patienten — in formaler allergologischer Testung erweisen sich jedoch über 90 % dieser Kinder als nicht echt allergisch. Wann immer möglich, ist die allergologische Re-Evaluation („Allergy De-Labeling") durch eine pädiatrische Allergologin bzw. einen pädiatrischen Allergologen die beste langfristige Strategie — sie eröffnet wieder den Zugang zu Beta-Lactamen erster Wahl, sowohl für die aktuelle als auch alle zukünftigen Infektionen.
Lässt sich der Allergiestatus vor dem Therapiebeginn nicht klären, hängt die Wahl der Alternative von der Art der berichteten Reaktion ab:
Allergieabhängiger Entscheidungsalgorithmus
Nicht-anaphylaktische Reaktion (Exanthem ohne Urtikaria, anamnestisch unklar oder lange zurückliegend):
- Cephalosporin der 1. Generation (Cefalexin oder Cefadroxil) ist empfohlen. Die Kreuzreaktivität zwischen Penicillinen und Cephalosporinen der 1. Generation liegt bei rund 1–2 % und damit weit unter den historisch zitierten 10 %.
Anaphylaxie, Angioödem, Serumkrankheit oder schwere Urtikaria:
- alle Beta-Lactame meiden;
- Azithromycin (5-Tage-Schema) oder Clindamycin (10-Tage-Schema) einsetzen.
| Schweregrad der Allergie | empfohlene Alternative | Dosis | Dauer |
|---|---|---|---|
| nicht schwer (verzögertes Exanthem, nur GI-Symptome) | Cefalexin 20 mg/kg pro Einzeldosis 2×/Tag | max. 500 mg/Einzeldosis | 10 Tage |
| nicht schwer (Alternative) | Cefadroxil 30 mg/kg/Tag einmal täglich | max. 1 000 mg/Tag | 10 Tage |
| schwer (Anaphylaxie, Angioödem) | Azithromycin 12 mg/kg Tag 1 → 6 mg/kg Tag 2–5 | max. 500 mg/250 mg | 5 Tage |
| schwer (Alternative) | Clindamycin 7 mg/kg pro Einzeldosis 3×/Tag | max. 300 mg/Einzeldosis | 10 Tage |
Wichtig: Azithromycin sollte gezielt eingesetzt werden. Lokale Daten zur Makrolidresistenz von GAS sollten — sofern verfügbar — in die Entscheidung einfließen. In Regionen mit Makrolidresistenzraten über 10–15 % ist Clindamycin häufig vorzuziehen.
Nebenwirkungen und Monitoring
Antibiotika gegen die GAS-Pharyngitis werden bei Kindern in der Regel gut vertragen; Behandelnde und Eltern sollten aber Folgendes berücksichtigen:
Amoxicillin / Penicillin V:
- Häufig: Diarrhoe (5–10 %), Übelkeit, nicht-allergisches Exanthem (insbesondere bei gleichzeitiger EBV-Infektion — das klassische „Amoxicillin-Exanthem" bei Mononukleose, das keine echte Allergie darstellt).
- Gelegentlich: Urtikaria, Candida-Windeldermatitis.
- Selten: Anaphylaxie (<0,05 %), Clostridioides-difficile-Kolitis, Stevens-Johnson-Syndrom.
Cefalexin:
- gastrointestinales Profil ähnlich wie Amoxicillin; geringe Kreuzreaktivität bei Penicillinallergie (~1–2 %).
Azithromycin:
- Häufig: Bauchschmerzen, Übelkeit, Diarrhoe (bis 5 %).
- Selten: QT-Verlängerung — bei bekanntem Long-QT-Syndrom oder gleichzeitiger Gabe QT-verlängernder Substanzen meiden.
- Hauptproblem im klinischen Alltag ist die zunehmende GAS-Resistenz.
Clindamycin:
- Häufig: Diarrhoe (bis 20 %), abdominelle Krämpfe, Übelkeit.
- Schwerwiegend: höchstes Risiko für eine C.-difficile-assoziierte Diarrhoe unter den Alternativen. Eltern sind anzuweisen, anhaltende wässrige oder blutige Stühle umgehend zu melden.
Monitoring: Eine routinemäßige Kontrolltestung („Test of Cure") nach Therapieabschluss wird bei asymptomatischen Kindern nicht empfohlen. Posttherapeutische Rachenkulturen sind nur in spezifischen Situationen indiziert: ARF in der Eigenanamnese, Ausbruchssituation oder persistierende bzw. rezidivierende Symptome.
Rezidivierende Streptokokken-Angina und die Frage der Tonsillektomie
Rezidivierende GAS-Pharyngitiden sind ein häufiges und für Familien belastendes Problem. Die IDSA definiert ein Rezidiv als mehrfach gesicherte GAS-Pharyngitis-Episoden innerhalb eines definierten Zeitraums und grenzt die echte Reinfektion von der chronischen Trägerschaft mit zwischenzeitlicher viraler Pharyngitis ab.
Abklärung eines Rezidivs
Bevor wiederholte Halsschmerzen auf eine echte GAS-Reinfektion zurückgeführt werden, sind zu erwägen:
- GAS-Trägerschaft mit viraler Pharyngitis: Bis zu 20 % der Schulkinder sind asymptomatische GAS-Träger. Ein positiver RADT bei einem Träger mit viraler Pharyngitis bedeutet nicht, dass GAS die aktuelle Erkrankung verursachen.
- Ungenügende Adhärenz: Wurde die volle 10-tägige Therapie eingehalten?
- Reinfektion durch enge Kontakte: Haushaltskontakte, insbesondere weitere Kinder im Schulalter, sollten bei häufigen Rezidiven mitgetestet werden.
- Therapieversagen vs. Reinfektion: Ein echtes bakteriologisches Versagen von Penicillin/Amoxicillin ist selten (<10 %), kann aber auftreten — möglicherweise durch Beta-Lactamase-bildende Co-Pathogene (z. B. orale Anaerobier, die GAS „abschirmen").
Management von Rezidivepisoden
Bei dokumentierter rezidivierender GAS-Pharyngitis kommen in Betracht:
- alternatives Antibiotikum: Clindamycin, Amoxicillin/Clavulansäure oder ein Cephalosporin der 1. Generation können in Rezidivsituationen eine bessere Eradikation als Amoxicillin allein erzielen;
- intramuskuläres Benzathinpenicillin G: sichert die volle Adhärenz und erreicht hohe Eradikationsraten;
- Eradikation der Trägerschaft: Bei vermuteter Trägerschaft kann ein kurzes Schema mit Clindamycin (20–30 mg/kg/Tag, geteilt auf 3 Gaben über 10 Tage) oder Penicillin + Rifampicin (Rifampicin in den letzten 4 Tagen der Penicillingabe) versucht werden — der Erfolg ist jedoch variabel.
Indikationen zur Tonsillektomie
Eine Tonsillektomie kann bei Kindern erwogen werden, die die Paradise-Kriterien (auch „severely affected"-Kriterien) erfüllen:
- ≥7 Episoden in 1 Jahr ODER
- ≥5 Episoden pro Jahr in 2 aufeinanderfolgenden Jahren ODER
- ≥3 Episoden pro Jahr in 3 aufeinanderfolgenden Jahren
Jede Episode muss durch mindestens eines der folgenden Merkmale dokumentiert sein: Temperatur >38,3 °C, zervikale Lymphadenopathie, Tonsillenexsudat oder positiver GAS-Nachweis.
Evidenzhinweis: Die randomisierte Studie von Paradise et al. zeigte einen moderaten Nutzen der Tonsillektomie bei stark betroffenen Kindern — weniger Halsentzündungen in den ersten zwei Jahren postoperativ. Der Unterschied verringerte sich jedoch im Verlauf, und auch viele Kinder der Kontrollgruppe („watchful waiting") besserten sich. Die AAP-Leitlinie zur Tonsillektomie (Aktualisierung 2019; in DACH ergänzend AWMF-S2k-Leitlinie 017-024) befürwortet die Operation bei erfüllten Paradise-Kriterien, betont aber die partizipative Entscheidungsfindung.
Besondere Patientengruppen
Säuglinge und Kleinkinder (<3 Jahre): Die GAS-Pharyngitis ist in dieser Altersgruppe selten, das ARF ausgesprochen rar. Testung und Therapie sind in der Regel nicht indiziert, sofern kein deutlicher epidemiologischer Bezug besteht. Die mitunter als „streptokokkenbedingtes Fieber" oder Streptokokken-Nasopharyngitis bezeichnete Verlaufsform bei Kleinkindern kann atypisch mit niedrigem Fieber, Schnupfen und Reizbarkeit statt mit klassischer Pharyngitis imponieren.
Jugendliche: Differenzialdiagnostisch ist die infektiöse Mononukleose (EBV) zu bedenken — sie kann klinisch identisch erscheinen. Das klassische, nicht-allergische makulopapulöse Exanthem nach Amoxicillin bei nicht erkannter Mononukleose tritt in 30–70 % der Fälle auf. Es ist selbstlimitierend und stellt keine Penicillinallergie dar; es sollte auch nicht als solche dokumentiert werden.
Immunsupprimierte Kinder: Es gilt das Standardregime der GAS-Therapie. Diese Patienten haben jedoch ein erhöhtes Risiko für suppurative Komplikationen (Peritonsillar- oder Retropharyngealabszess) und benötigen eine engmaschigere Verlaufskontrolle.
Kinder mit ARF in der Anamnese: Eine Sekundärprophylaxe mit langwirksamem Benzathinpenicillin G alle 3–4 Wochen (oder täglichem oralem Penicillin V) ist indiziert; die Dauer hängt vom Vorhandensein einer Karditis ab — gemäß AHA-Empfehlungen ggf. bis zu 10 Jahre oder bis zum 40. Lebensjahr.
Warnzeichen — wann sofort medizinische Hilfe erforderlich ist
Eltern sollten darüber aufgeklärt werden, dass bei einem Kind mit vermuteter oder gesicherter Streptokokken-Angina umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden muss, wenn eines der folgenden Symptome auftritt:
- Atemnot oder vermehrter Speichelfluss — Hinweis auf Peritonsillarabszess oder Epiglottitis
- Unfähigkeit, Flüssigkeit zu schlucken — Dehydratationsrisiko
- „Kloßige" oder gedämpfte Sprache — klassisches Zeichen eines Peritonsillarabszesses
- Nackensteifigkeit oder Schiefhals (Torticollis) — Verdacht auf Retropharyngealabszess
- persistierendes oder zunehmendes Fieber (>48–72 Stunden) trotz Antibiotikagabe
- Gelenkschmerzen oder -schwellung — möglicher Frühhinweis auf ein ARF
- dunkler oder colafarbener Urin — Hinweis auf eine Poststreptokokken-Glomerulonephritis
- neu aufgetretenes Exanthem — denkbar sind Scharlach (sandpapierartiges erythematöses Exanthem) oder eine Arzneimittelreaktion
- Anaphylaxiezeichen nach Antibiotikagabe: Lippen-/Zungenschwellung, Giemen, Hypotonie, generalisierte Urtikaria
Jedes Kind, das einen toxischen Eindruck macht, lethargisch oder respiratorisch beeinträchtigt ist, bedarf unabhängig von der vermuteten Ursache einer notfallmäßigen Abklärung.
Häufig gestellte Fragen
Frage: Darf mein Kind während der Antibiotikatherapie wieder in Kita oder Schule? Antwort: Gemäß AAP/DGKJ und CDC können Kinder mit gesicherter GAS-Pharyngitis nach mindestens 12–24 Stunden adäquater Antibiotikatherapie und nach Entfieberung wieder in die Gemeinschaftseinrichtung. Sie gelten ab diesem Zeitpunkt als deutlich weniger ansteckend, eine vollständige Eradikation erfordert jedoch das gesamte 10-Tage-Schema.
Frage: Sollten Geschwister auf Streptokokken getestet werden? Antwort: Eine routinemäßige Testung asymptomatischer Haushaltsmitglieder ist nicht empfohlen — es sei denn, in der persönlichen oder familiären Anamnese findet sich ein ARF, oder die Familie erlebt ein „Ping-Pong"-Muster mit wiederkehrenden Infektionen. Symptomatische Geschwister sollten getestet und entsprechend dem Befund therapiert werden.
Frage: Was ist zu tun, wenn mein Kind das Antibiotikum innerhalb von 30 Minuten erbricht? Antwort: Bei Erbrechen innerhalb von 15–30 Minuten nach Einnahme die Dosis einmal nachgeben. Bei wiederholtem Erbrechen die Kinderärztin bzw. den Kinderarzt kontaktieren — eine alternative Darreichungsform (Kautablette, andere Geschmacksrichtung) oder ein anderer Applikationsweg (intramuskuläre Injektion) kann erforderlich sein.
Frage: Stimmt es, dass eine Streptokokken-Angina auch ohne Antibiotika ausheilen kann? Antwort: Eine GAS-Pharyngitis ist meist selbstlimitierend — die Symptome klingen auch ohne Antibiotika innerhalb von 3–5 Tagen ab. Antibiotika werden jedoch primär zur ARF-Prävention gegeben, daneben zur Reduktion suppurativer Komplikationen, zur Verkürzung der Ansteckungszeit und zur moderaten Beschleunigung der Symptombesserung. Das ARF-Risiko ohne Behandlung ist in Hocheinkommensländern niedrig, aber nicht vernachlässigbar — in Endemiegebieten wird es mit etwa 0,3–3 % pro unbehandelter Episode angegeben.
Frage: Mein Kind hat ein 5-Tage-Schema verordnet bekommen. Reicht das? Antwort: Ein 5-Tage-Schema mit Azithromycin ist leitliniengemäß möglich, weil dessen lange Gewebshalbwertszeit eine verlängerte antimikrobielle Wirkung gewährleistet. Für Amoxicillin oder Penicillin gilt jedoch weiterhin die Standarddauer von 10 Tagen. Wenn Apothekerin oder Ärztin ein 5-Tage-Schema mit Amoxicillin verordnet hat, sprechen Sie dies bitte aktiv an — es kann in spezifischen Konstellationen sinnvoll sein, entspricht aber nicht den aktuellen Standardempfehlungen von IDSA und AAP/DGKJ.
Frage: Ist eine Kontroll-Rachenkultur nach Therapieende erforderlich? Antwort: Nein, sofern die Symptome abgeklungen sind. Eine Kontrolltestung („Test of Cure") wird nicht routinemäßig empfohlen. Eine asymptomatische GAS-Trägerschaft nach Therapie erfordert keine weitere Antibiotikagabe. Ausnahmen sind Kinder mit ARF in der Eigenanamnese sowie Ausbruchssituationen.
Frage: Sind Probiotika während der Antibiotikatherapie sinnvoll? Antwort: Es gibt Hinweise darauf, dass Lactobacillus-haltige Probiotika eine antibiotikaassoziierte Diarrhoe bei Kindern moderat reduzieren können (Number Needed to Treat ca. 6–7). Auch wenn dies keine formale Leitlinienempfehlung ist, stellt es eine sinnvolle adjuvante Maßnahme dar. Probiotika sollten mit mindestens 2 Stunden Abstand zur Antibiotikagabe verabreicht werden.
Frage: Darf mein Kind Ibuprofen oder Paracetamol gegen die Schmerzen nehmen? Antwort: Ja. Analgetika und Antipyretika sind ein wichtiger Bestandteil der symptomatischen Therapie. Möglich sind Ibuprofen (10 mg/kg alle 6–8 Stunden, max. 40 mg/kg/Tag) oder Paracetamol (15 mg/kg alle 4–6 Stunden, max. 75 mg/kg/Tag). Acetylsalicylsäure (ASS) ist bei Kindern wegen des Risikos eines Reye-Syndroms zu meiden.
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Über den Autor
Dr. Stanislav Ozarchuk, PharmD, ist klinischer Apotheker mit über 15 Jahren Erfahrung im Krankenhaus, in der ambulanten Versorgung sowie in der pharmazeutischen Beratung. Seine Schwerpunkte liegen in der pädiatrischen Pharmakotherapie, im Antibiotic Stewardship und in der evidenzbasierten Arzneimitteltherapie. Für PillsCard.com schreibt Dr. Ozarchuk, um die Brücke zwischen klinischen Leitlinien und alltagstauglichem Arzneimittelwissen zu schlagen — damit Patientinnen, Patienten und betreuende Angehörige Zugang zu verlässlichen, aktuellen Informationen rund um Medikamente erhalten.
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