Ist Salbutamol in der Schwangerschaft sicher? Was die Evidenz zeigt
Auf einen Blick
- Salbutamol (in den USA: Albuterol) gilt in der Schwangerschaft als grundsätzlich vereinbar und wird von DGGG, AWMF, NICE und GINA als bevorzugtes kurzwirksames Bedarfsmedikament für Schwangere mit Asthma eingestuft.
- Ein unkontrolliertes Asthma stellt für Mutter und Fetus ein größeres Risiko dar als die Anwendung von inhalativem Salbutamol; schlecht eingestelltes Asthma ist mit Präeklampsie, Frühgeburtlichkeit und niedrigem Geburtsgewicht assoziiert.
- Eine große europäische Fall-Kontroll-Studie zeigte schwache statistische Signale für Gaumenspalte und Gastroschisis nach Exposition gegenüber inhalativen β₂-Agonisten im ersten Trimenon; diese Befunde sind jedoch nicht als kausal bestätigt und müssen gegen die gut belegten Schäden eines unbehandelten Asthmas abgewogen werden.
Warum die Anwendung von Salbutamol in der Schwangerschaft eine Rolle spielt
Asthma ist die häufigste chronische Atemwegserkrankung, die eine Schwangerschaft kompliziert, und betrifft schätzungsweise 4–8 % aller Schwangeren weltweit [VERIFY]. Der natürliche Verlauf des Asthmas in der Schwangerschaft ist nicht vorhersehbar: Bei etwa einem Drittel der Frauen bessert sich die Symptomatik, bei einem weiteren Drittel verschlechtert sie sich, beim letzten Drittel bleibt sie unverändert [1]. Verschlechtert sich das Asthma, kann dies sowohl für die Mutter als auch für den sich entwickelnden Fetus ernste Folgen haben. Schlecht eingestelltes Asthma ist mit Präeklampsie, Gestationsdiabetes, Frühgeburt, intrauteriner Wachstumsrestriktion und niedrigem Geburtsgewicht assoziiert [1].
Salbutamol (Ventolin, Sultanol, Bronchospray, Salbulair) ist ein selektiver β₂-Adrenozeptor-Agonist und der weltweit am häufigsten eingesetzte kurzwirksame Bronchodilatator [8]. Es entspannt die glatte Muskulatur der Atemwege und lindert einen Bronchospasmus in der Regel innerhalb weniger Minuten nach Inhalation [8]. Für Schwangere mit Asthma stellt es das Bedarfsmedikament der ersten Wahl dar und wird von allen maßgeblichen Leitliniengremien empfohlen, darunter die Global Initiative for Asthma (GINA), die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), die British Thoracic Society (BTS), die AWMF (S2k Asthma) sowie das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) [VERIFY].
Das zentrale klinische Prinzip ist klar: Das Risiko eines unkontrollierten Asthmas für die Schwangerschaft überwiegt deutlich das Risiko der zur Kontrolle eingesetzten Medikamente [1]. Dieser Artikel beleuchtet die pharmakologische Evidenz, die Sicherheitsdaten, die Leitlinienempfehlungen und die praktischen Aspekte der Anwendung von Salbutamol in der Schwangerschaft.
Pharmakologie von Salbutamol mit Relevanz für die Schwangerschaft
Salbutamol ist ein kurzwirksamer β₂-Agonist (SABA) mit Selektivität für β₂-Adrenozeptoren, die in der glatten Bronchial- und Uterusmuskulatur sowie im Gefäßbett vorkommen [8]. Bei Applikation über Dosieraerosol (MDI) oder Vernebler ist die systemische Resorption gering – typischerweise gelangen weniger als 10–20 % der nominellen Dosis über die Lunge in den systemischen Kreislauf, während der überwiegend verschluckte Anteil dem hepatischen First-Pass-Metabolismus unterliegt [VERIFY].
Folgende pharmakologische Eigenschaften sind in der Schwangerschaft besonders relevant:
Bronchodilatation. Der primäre therapeutische Effekt. Der Wirkungseintritt erfolgt 3–5 Minuten nach Inhalation, das Wirkmaximum nach 30–60 Minuten, die Wirkdauer beträgt 4–6 Stunden [8]. Dieser rasche Wirkeintritt macht Salbutamol für die akute Symptomlinderung unentbehrlich.
Uterusrelaxation (Tokolyse). β₂-Agonisten entspannen die glatte Uterusmuskulatur – aus diesem Grund wurden Salbutamol und verwandte Substanzen (Ritodrin, Terbutalin, Fenoterol) historisch als Tokolytika zur Hemmung vorzeitiger Wehen eingesetzt [2]. Die für eine Tokolyse erforderlichen Dosen liegen jedoch deutlich über jenen der inhalativen Asthmatherapie – in der Regel handelt es sich um intravenöse Infusionen und nicht um Dosieraerosol-Hübe.
Kardiovaskuläre Effekte. Bei üblichen Inhalationsdosen (100–200 µg pro Hub, 1–2 Hübe) verursacht Salbutamol keine klinisch relevante Veränderung der Herzfrequenz [7]. Erst bei Dosen, die das 5- bis 10-Fache der üblichen Verneblerdosis von 2,5 mg betragen, zeigt sich ein Anstieg der Herzfrequenz um 20–30 Schläge pro Minute [7]. Wichtig ist: Die Inzidenz von Arrhythmien unter Salbutamol bei üblichen Dosen ist mit der von Placebo vergleichbar [7].
Metabolische Effekte. Eine systemische β₂-Agonist-Exposition kann vorübergehend Hypokaliämie, Hyperglykämie und Tremor verursachen; diese Effekte sind jedoch dosisabhängig und bei üblichen Inhalationsdosen in der Regel vernachlässigbar [8].
Die Unterscheidung zwischen inhalativer und systemischer Applikation ist in der Schwangerschaft entscheidend. Inhalatives Salbutamol gelangt in Mikrogramm-Dosen direkt in die Atemwege und minimiert dadurch die fetale Exposition. Intravenöses oder hochdosiert vernebeltes Salbutamol – etwa im Rahmen einer Tokolyse oder einer schweren Asthmaexazerbation – führt zu systemischen Wirkstoffspiegeln, die um Größenordnungen höher liegen und ein anderes Risikoprofil mit sich bringen.
Sicherheitsdaten zu Salbutamol in der Schwangerschaft: Was die Studien zeigen
Beobachtungs- und Registerdaten
Den umfangreichsten Evidenzpool zur Sicherheit von Salbutamol in der Schwangerschaft liefern Beobachtungsstudien und Fehlbildungsregister. Eine wegweisende europäische Fall-Fehlbildungs-Kontroll-Studie von Garne und Kollegen wertete Daten zu 76.249 erfassten kongenitalen Anomalien aus 13 EUROmediCAT-Registern aus [6]. Die Untersucher prüften Signale, die in der Literatur zuvor im Zusammenhang mit einer Erstrimester-Exposition gegenüber inhalativen β₂-Agonisten beschrieben worden waren.
Die Studie ergab statistisch signifikante Assoziationen zwischen einer Erstrimester-Anwendung inhalativer β₂-Agonisten und zwei spezifischen Anomalien [6]:
- Gaumenspalte – OR 1,63 (95 %-KI: 1,05–2,52)
- Gastroschisis – OR 1,89 (95 %-KI: 1,12–3,20)
Die Expositions-Odds speziell für Salbutamol waren mit den Klassen-Ergebnissen vergleichbar [6]. Bemerkenswerterweise fanden sich keine signifikanten Assoziationen mit Spina bifida, Lippenspalte, Analatresie, schweren angeborenen Herzfehlern allgemein oder Fallot-Tetralogie [6]. Ebenso wurde keines der vier in der Literatur beschriebenen Signale für inhalative Kortikosteroide (Gaumenspalte, Lippenspalte, Analatresie, Hypospadie) bestätigt [6].
Interpretation der Signale
Diese Befunde bedürfen einer sorgfältigen Einordnung. Der absolute Risikoanstieg ist – selbst bei kausaler Assoziation – gering. Die Baseline-Prävalenz der Gaumenspalte liegt bei etwa 1 zu 1.500–2.500 Lebendgeburten [VERIFY]; eine Odds Ratio von 1,63 entspräche somit einem nur sehr moderaten absoluten Risikoanstieg. Hinzu kommt, dass Beobachtungsstudien ein Confounding by indication nicht vollständig kontrollieren können – Frauen, die inhalative β₂-Agonisten anwenden, haben Asthma, und das Asthma selbst (bzw. dessen Schweregrad oder Begleitexpositionen wie Zigarettenrauch) kann zu den beobachteten Assoziationen beitragen.
Die Studienautoren selbst betonten, dass diese Signale weiter untersucht werden müssen und Frauen keinesfalls von der Anwendung notwendiger Asthmamedikamente abhalten sollten [6]. Alle maßgeblichen Leitliniengremien haben diese Evidenz geprüft und empfehlen Salbutamol weiterhin als bevorzugtes Bedarfsmedikament in der Schwangerschaft.
Daten zur tokolytischen Anwendung
Wird Salbutamol in höheren, systemischen Dosen zur Tokolyse (Hemmung vorzeitiger Wehen) eingesetzt, unterscheidet sich das Sicherheitsprofil. Eine umfassende Übersichtsarbeit zur Tokolyse-Sicherheit hielt fest, dass maternale Sicherheitsbedenken den Einsatz von β₂-Agonisten als Tokolytika reduziert haben [2]. Die wesentlichen Bedenken bei der systemischen β₂-Agonist-Tokolyse umfassen maternale Tachykardie, Palpitationen, Tremor, Hypokaliämie, Hyperglykämie sowie das seltene, aber schwerwiegende Lungenödem [2]. Aus diesem Grund hat sich die First-Line-Tokolyse in Europa zu Calciumkanalblockern (Nifedipin) und Oxytocin-Rezeptor-Antagonisten (Atosiban) verschoben; β₂-Agonisten werden zunehmend seltener eingesetzt [2].
Es ist essenziell, diese systemischen Tokolyse-Dosen von üblichen Inhalationsdosen zu unterscheiden. Die im Rahmen der Tokolyse beobachteten Risiken lassen sich nicht auf die übliche inhalative Salbutamol-Therapie bei Asthma übertragen.
Salbutamol-Dosierung in der Schwangerschaft: inhalativ vs. systemisch
| Parameter | Inhalativ (MDI/Vernebler) bei Asthma | i.v./s.c. zur Tokolyse | s.c. vor ECV |
|---|---|---|---|
| Typische Dosis | 100–200 µg pro Hub (MDI); 2,5–5 mg vernebelt | 10–45 µg/min i.v.-Infusion | 0,5 mg s.c. Einzeldosis [3] |
| Systemische Exposition | Niedrig (< 20 % der Dosis) | Hoch (direkt systemisch) | Moderat (systemische Resorption) |
| Anwendungsdauer | Intermittierend, bei Bedarf | Stunden bis Tage | Einmaldosis vor Eingriff |
| Leitlinienempfehlung | Bedarfsmedikament der ersten Wahl; in der Schwangerschaft bevorzugt (GINA, DGGG, NICE) | Second-Line-Tokolytikum; rückläufige Anwendung [2] | Uterusrelaxans vor ECV [3] |
| Wesentliche maternale Risiken | Tremor, Palpitationen (bei üblicher Dosis selten) | Tachykardie, Hypokaliämie, Lungenödem [2] | Tachykardie, Tremor |
| Fetale Risiken | Kein bestätigter teratogener Effekt bei üblicher Dosis [6] | Fetale Tachykardie, neonatale Hypoglykämie | Vorübergehende fetale Tachykardie |
Eine Studie, die subkutanes Salbutamol mit intramuskulärem Ritodrin vor einer äußeren Wendung aus Beckenendlage (ECV) verglich, zeigte, dass beide Substanzen den Uterus für den Eingriff hinreichend entspannen; die Erfolgsraten waren in der Ritodrin-Gruppe jedoch höher (71,7 % vs. 63,8 %, p = 0,003) [3]. Dies illustriert einen weiteren klinischen Kontext, in dem Salbutamol in der Schwangerschaft – wenn auch als Einzeldosis – systemisch verabreicht wird.
Unerwünschte Wirkungen und Sicherheitsprofil von Salbutamol in der Schwangerschaft
| Unerwünschte Wirkung | Häufigkeit bei inhalativer Dosis | Empfohlenes Vorgehen |
|---|---|---|
| Tremor (Hände) | Häufig (≈ 10–20 %) | Meist mild und selbstlimitierend; Aufklärung der Patientin |
| Palpitationen / Tachykardie | Gelegentlich (1–10 %) | Beobachten; klingt meist ab. Keine klinisch relevanten Arrhythmien bei üblicher Dosis [7] |
| Kopfschmerzen | Gelegentlich (1–10 %) | Symptomatische Behandlung |
| Hypokaliämie | Selten bei inhalativer Dosis; häufiger bei Vernebelung/i.v. | Kaliumkontrolle bei hohen oder wiederholten Dosen |
| Hyperglykämie | Selten bei inhalativer Dosis | Relevant bei Gestationsdiabetes; Glukosemonitoring |
| Muskelkrämpfe | Gelegentlich | Aufklärung; meist transient |
| Lungenödem | Extrem selten; assoziiert mit i.v.-Tokolyse [2] | Infusion sofort stoppen; Notfallmanagement |
| Neonatale Hypoglykämie | Beschrieben nach systemischer Tokolyse | Postpartale Blutzuckerkontrolle beim Neugeborenen |
| Fetale Tachykardie | Möglich bei systemischer Dosis; unwahrscheinlich bei Inhalation | Bei Verdacht fetale Herzfrequenz überwachen |
Warnzeichen, die eine sofortige medizinische Abklärung erfordern:
- Thoraxschmerz oder anhaltende Palpitationen, die nach Absetzen des Inhalators fortbestehen
- Zunehmende Dyspnoe trotz Salbutamol-Anwendung (kann auf eine schwere Exazerbation mit Notfallindikation hinweisen)
- Reduzierte Kindsbewegungen nach hochdosierter Verneblertherapie
- Zeichen eines Lungenödems (akute Dyspnoe, schaumiger Auswurf, Hypoxie) während einer i.v.-Tokolyse
Aktuelle Daten aus einer Übersichtsarbeit von 2025 bestätigen, dass Salbutamol in üblicher Dosierung die Herzfrequenz in verschiedenen Patientenpopulationen – einschließlich Notaufnahme- und Intensivpatienten – nicht signifikant beeinflusst und auch bei arrhythmieanfälligen Personen keine schweren Rhythmusstörungen auslöst [7]. Dies bietet zusätzliche Sicherheit für Schwangere, die sich Sorgen um die kardiale Verträglichkeit machen.
Klinische Hinweise und besondere Patientengruppen
Therapieeskalation in der Schwangerschaft
Salbutamol soll während der gesamten Schwangerschaft das Bedarfsmedikament bleiben, doch eine häufige Anwendung (mehr als an 2 Tagen pro Woche zur Symptomlinderung oder mehr als ein Inhalator pro Monat) signalisiert eine unzureichende Asthmakontrolle und die Notwendigkeit einer Eskalation der Dauertherapie [1]. Inhalative Kortikosteroide (ICS), insbesondere Budesonid, sind in der Schwangerschaft die bevorzugten Dauermedikamente, gestützt auf die umfangreichste Sicherheitsdatenlage [1] [4]. Ein multidisziplinäres Vorgehen unter Einbindung von Gynäkologen, Pneumologen und Pädiatern wird empfohlen, um den Behandlungsplan individuell zu optimieren [1].
Mitbehandlung einer allergischen Rhinitis
Viele Schwangere mit Asthma haben gleichzeitig eine allergische Rhinitis, die eine Entzündung der unteren Atemwege verstärken kann. Untersuchungen zu den immunmodulatorischen Effekten von Salbutamol zeigten, dass es Th2-Zytokin-Signalwege, die an der allergischen Entzündung beteiligt sind, modulieren kann [4]. Obwohl Salbutamol in Schwangerschaft und Stillzeit grundsätzlich anwendbar ist, ist es kein Mittel der ersten Wahl bei allergischer Rhinitis; intranasale Kortikosteroide bleiben bei nasalen Symptomen vorzuziehen [4].
COPA-Syndrom und seltene Autoimmunerkrankungen
Bei seltenen Autoimmunerkrankungen, die eine Schwangerschaft komplizieren, wie dem COPA-Syndrom, wurde Salbutamol (in den USA als Albuterol) unter fachärztlicher Aufsicht als Bronchodilatator in Kombination mit inhalativen Kortikosteroiden eingesetzt [5]. Dieser Fall verdeutlicht das übergeordnete Prinzip, dass Salbutamol unabhängig von der Grunderkrankung ein Eckpfeiler des Bronchospasmus-Managements bleibt und seine Sicherheit in der Schwangerschaft es auch in komplexen klinischen Situationen zu einer praktikablen Option macht [5]. Eine präkonzeptionelle Beratung wird empfohlen, um sicherzustellen, dass alle Medikamente schwangerschaftsverträglich sind [5].
Stillzeit
Salbutamol gilt nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sowie der UK Drugs in Lactation Advisory Service (UKDILAS) als mit dem Stillen vereinbar [VERIFY]. Inhalatives Salbutamol führt zu sehr niedrigen Plasmaspiegeln; die in die Muttermilch übertretende Menge gilt als vernachlässigbar und ist nicht geeignet, das gestillte Kind zu beeinträchtigen [4]. Eine aktuelle Bewertung kann über Embryotox (Charité Berlin, embryotox.de) eingeholt werden.
Gestationsdiabetes
Schwangere mit Gestationsdiabetes, die Salbutamol anwenden, sollten wissen, dass eine systemische β₂-Agonist-Exposition den Blutzuckerspiegel vorübergehend erhöhen kann. Bei üblicher inhalativer Dosierung ist dieser Effekt klinisch in der Regel nicht relevant. Bei akuten Exazerbationen mit wiederholten Vernebler-Dosen kann jedoch eine Glukoseüberwachung sinnvoll sein [VERIFY].
Präeklampsie und hypertensive Schwangerschaftserkrankungen
Es gibt keine etablierte Kontraindikation für inhalatives Salbutamol bei Frauen mit Präeklampsie oder Gestationshypertonie. Bei üblicher inhalativer Dosierung sind vasodilatatorische und kardiale Effekte minimal [7]. Eine β₂-vermittelte Vasodilatation könnte theoretisch sogar leicht günstig wirken – eine therapeutische Indikation lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Häufige Fragen
F1: Darf ich meinen Salbutamol-Inhalator im ersten Trimenon anwenden? A1: Ja. Alle maßgeblichen Leitlinien, darunter GINA und DGGG, empfehlen, Salbutamol während der gesamten Schwangerschaft – einschließlich des ersten Trimenons – als Bedarfsmedikament fortzuführen. Eine große europäische Studie identifizierte zwar schwache statistische Assoziationen zwischen einer Anwendung inhalativer β₂-Agonisten im ersten Trimenon und Gaumenspalte (OR 1,63) sowie Gastroschisis (OR 1,89), diese Befunde belegen jedoch keine Kausalität, und der absolute Risikoanstieg ist sehr gering [6]. Die Risiken eines unkontrollierten Asthmas für Mutter und Kind sind gut dokumentiert und überwiegen diese unsicheren Signale deutlich [1].
F2: Ist vernebeltes Salbutamol in der Schwangerschaft sicher? A2: Vernebeltes Salbutamol (typischerweise 2,5–5 mg) wird bei mittelschweren bis schweren Asthmaexazerbationen eingesetzt und gilt bei entsprechender klinischer Indikation auch in der Schwangerschaft als angemessen. Die Dosis ist höher als beim Dosieraerosol, sodass die systemische Resorption größer ist. Vorübergehende maternale Tachykardie und Tremor können auftreten. Bei schweren Exazerbationen ist ein Verzicht auf die Behandlung jedoch deutlich gefährlicher – eine maternale Hypoxie kann zu fetaler Hypoxie und ungünstigen Verläufen führen [1]. Eine stationäre Überwachung der maternalen Vitalparameter und der fetalen Herzfrequenz ist während der Verneblertherapie ratsam.
F3: Beeinflusst Salbutamol die Herzfrequenz meines Kindes? A3: Bei üblicher inhalativer Dosierung ist eine fetale Tachykardie durch Salbutamol unwahrscheinlich. Eine Übersichtsarbeit von 2025 bestätigte, dass Salbutamol in üblicher Dosis selbst bei Erwachsenen die Herzfrequenz nicht signifikant verändert; die bei Inhalation erreichten systemischen Spiegel sind sehr niedrig [7]. Eine fetale Tachykardie ist eher bei systemischer Gabe (i.v. oder hochdosiert vernebelt) – etwa im Rahmen einer Tokolyse – ein Thema.
F4: Ich nutze Salbutamol mehr als 3-mal pro Woche. Sollte ich mir Sorgen machen? A4: Eine häufige Salbutamol-Anwendung (mehr als zweimal pro Woche zur Symptomlinderung) ist eher ein Hinweis auf ein schlecht kontrolliertes Asthma als auf ein direktes Sicherheitsproblem des Medikaments selbst [1]. Sie sollten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über eine Eskalation der Dauertherapie sprechen – typischerweise mit einem inhalativen Kortikosteroid wie Budesonid, das ein günstiges Sicherheitsprofil in der Schwangerschaft aufweist [1] [4]. Eine bessere Asthmakontrolle bedeutet bessere Ergebnisse für Sie und Ihr Kind.
F5: Kann Salbutamol vorzeitige Wehen auslösen oder Kontraktionen stoppen? A5: Salbutamol entspannt die glatte Uterusmuskulatur – aus diesem Grund wurde es historisch als Tokolytikum zur Verzögerung vorzeitiger Wehen eingesetzt [2]. Bei den üblichen inhalativen Asthmadosen sind die systemischen Spiegel jedoch viel zu niedrig, um eine relevante Uterusrelaxation zu bewirken. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Anwendung eines Salbutamol-Inhalators bei Asthma das Risiko vorzeitiger Wehen erhöht oder senkt. Als Tokolytikum (intravenös eingesetzt) kann es die Geburt um 48 Stunden hinauszögern – ausreichend Zeit für die Gabe antenataler Kortikosteroide –, ist hierfür aufgrund maternaler Nebenwirkungen jedoch nicht mehr Mittel der ersten Wahl [2].
Literatur
[1] Maselli DJ, Adams SG, Peters JI. Therapeutic Advances in Respiratory Disease 2013. PMID: 23129568. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23129568
[2] Lamont RF, Jørgensen JS. Current Pharmaceutical Design 2019. PMID: 30931850. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30931850
[3] Levin G, Cahan T, Weill Y. Minerva Obstetrics and Gynecology 2022. PMID: 35107244. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35107244
[4] Ma Y, Yang XH, Tu Y. Fundamental & Clinical Pharmacology 2023. PMID: 36314138. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36314138
[5] Ayyar A, Seaman RD, Guntupalli K. Case Reports in Obstetrics and Gynecology 2022. PMID: 35284147. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35284147
[6] Garne E, Hansen AV, Morris J. The Journal of Allergy and Clinical Immunology 2015. PMID: 26220526. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26220526
[7] Lucassen EA, Rood R, Tibboel J. Nederlands Tijdschrift voor Geneeskunde 2025. PMID: 40673353. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40673353
[8] Price AH, Clissold SP. Drugs 1989. PMID: 2670512. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2670512
Über den Autor
Dr. Stanislav Ozarchuk, PharmD, verfügt über 15 Jahre klinisch-pharmazeutische Erfahrung mit Schwerpunkt auf Arzneimitteltherapiesicherheit in besonderen Patientengruppen, einschließlich der pharmakotherapeutischen Begleitung von Schwangeren und Stillenden. Er schreibt für PillsCard.com, die internationale Arzneimittelenzyklopädie.
Medizinischer Haftungsausschluss
Die hier bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich Bildungszwecken und ersetzen keine professionelle medizinische Beratung. Konsultieren Sie stets eine qualifizierte medizinische Fachperson (Ärztin/Arzt oder Apotheker/in), bevor Sie ein Medikament beginnen, absetzen oder die Dosierung verändern. In medizinischen Notfällen wählen Sie den Notruf 112 (DE/AT) bzw. 144 (CH). Für Fragen zur Arzneimittelanwendung in Schwangerschaft und Stillzeit steht in Deutschland das Beratungszentrum Embryotox der Charité Berlin zur Verfügung: embryotox.de.