Darf ich Alkohol trinken, während ich Tramadol einnehme? Risiken, Wechselwirkungen und was Sie wissen müssen
Das Wichtigste in Kürze
- Die Kombination von Tramadol mit Alkohol wird von allen maßgeblichen Verordnungsleitlinien strikt abgeraten — die Wechselwirkung kann zu tödlicher Atemdepression, Krampfanfällen und tiefer Sedierung führen.
- Beide Substanzen werden über sich überschneidende Cytochrom-P450-Stoffwechselwege metabolisiert (insbesondere CYP3A4 und CYP2D6); Alkohol verändert somit, wie viel aktives Opioid Ihr Körper aus einer gegebenen Tramadol-Dosis bildet [1][7][8].
- Es gibt keine etablierte „sichere" Alkoholmenge unter Tramadol-Therapie; selbst kleine Mengen können die Dämpfung des zentralen Nervensystems (ZNS) unvorhersehbar verstärken.
Wie Tramadol wirkt — und warum Alkohol alles verkompliziert
Tramadol (Tramal, Tramadolor, Tramundin, Zaldiar) ist ein zentral wirksames Analgetikum, das strukturell mit Codein und Morphin verwandt ist [7]. Anders als die meisten Opioide besitzt es einen dualen Wirkmechanismus. Das (+)-Enantiomer und sein Hauptmetabolit (+)-O-Desmethyl-Tramadol (bekannt als M1) aktivieren den μ-Opioidrezeptor. Gleichzeitig hemmt (+)-Tramadol die Wiederaufnahme von Serotonin (5-HT) und (−)-Tramadol die Wiederaufnahme von Noradrenalin, wodurch die deszendierenden schmerzhemmenden Bahnen im Rückenmark verstärkt werden [7]. Diese komplementäre Wirkung erklärt sowohl das analgetische Profil als auch das charakteristische Nebenwirkungsspektrum.
Entscheidend ist: Tramadol ist ein Prodrug. Die Umwandlung in den potenteren Metaboliten M1 hängt vom hepatischen Cytochrom-P450-Enzym CYP2D6 ab, während CYP3A4 die N-Demethylierung zu weniger aktiven Metaboliten katalysiert [7][8]. Die klinische Wirkstärke einer bestimmten Tramadol-Dosis ist daher stark von der CYP-Genetik der Person abhängig — langsame Metabolisierer („poor metabolizers") bilden wenig M1, während ultraschnelle Metabolisierer aus derselben Tablette unverhältnismäßig hohe Opioidaktivität erzeugen [8].
Alkohol greift auf mehreren Ebenen in dieses System ein. Ethanol ist selbst ein ZNS-Depressivum, gleichzeitig aber auch ein bekannter Modulator der CYP3A4-Aktivität. Akuter Alkoholkonsum hemmt CYP3A4 tendenziell, was den Tramadol-Stoffwechsel in Richtung des CYP2D6-Pfades verschieben und die M1-Bildung erhöhen kann. Chronischer hoher Konsum induziert dagegen CYP3A4, beschleunigt die N-Demethylierung und verändert das Gleichgewicht der aktiven Metaboliten [1][8]. Das Ergebnis: Die Opioidwirkung einer „üblichen" Tramadol-Dosis wird unter Alkoholeinfluss unberechenbar.
Tramadol und Alkohol: Die pharmakologische Wechselwirkung im Detail
Die Wechselwirkung zwischen Tramadol und Alkohol wirkt auf mindestens drei pharmakologischen Ebenen, von denen jede für sich Schaden anrichten kann.
1. Additive ZNS-Dämpfung
Sowohl Tramadol als auch Ethanol dämpfen das zentrale Nervensystem. Tramadol vermindert über die Aktivierung von μ-Opioidrezeptoren im Hirnstamm den Atemantrieb; Alkohol verstärkt die GABAerge Hemmung im gesamten Gehirn. Gemeinsam wirken diese Effekte mindestens additiv, potenziell synergistisch. Die klinische Folge ist eine dosisabhängige Sedierung, die von Schläfrigkeit über Verwirrtheit, Stupor und Koma bis hin zu — in schweren Fällen — tödlichem Atemstillstand reichen kann. Die FDA (USA; DACH: BfArM/AGES/Swissmedic, EMA) hat für alle Opioidanalgetika einschließlich Tramadol eine Black-Box-Warnung herausgegeben, die ausdrücklich vor der gleichzeitigen Anwendung mit Alkohol oder anderen ZNS-Depressiva warnt [VERIFY].
2. Metabolische Konkurrenz am CYP450-System
Dic-Ijiewere und Osadolor (2023) untersuchten erwachsene Männer mit kombiniertem Alkohol- und Tramadolmissbrauch und fanden im Vergleich zu Kontrollen signifikante Veränderungen der CYP3A4- und CYP24A1-Proteinspiegel [1]. Da CYP3A4 ein gemeinsamer Stoffwechselweg für Tramadol und Ethanol ist, entsteht bei gleichzeitiger Einnahme eine kompetitive Hemmung auf Enzymebene. Dadurch können die Plasmakonzentrationen des Muttermoleküls Tramadol steigen, die Clearance verzögert und der Metabolismus über CYP2D6 in Richtung M1 verschoben werden — alles Faktoren, die das Risiko einer Opioidtoxizität erhöhen [1][7][8].
Dieselbe Studie dokumentierte in der Gruppe mit Mischkonsum erhöhte Marker für oxidativen Stress, darunter Malondialdehyd (MDA) und Laktatdehydrogenase (LDH) [1]. Oxidativer Stress ist eine Folge überlasteten hepatischen Stoffwechsels und ein anerkannter Vorbote zellulärer Schäden in Leber und Nieren.
3. Risiko eines Serotoninsyndroms
Die serotoninwiederaufnahmehemmenden Eigenschaften von Tramadol bergen ein Grundrisiko für ein Serotoninsyndrom, insbesondere in Kombination mit anderen serotonergen Substanzen [8]. Ethanol selbst ist zwar kein klassisches serotonerges Pharmakon, akuter Alkoholkonsum erhöht aber kurzfristig die Serotoninfreisetzung im ZNS. Bei Patientinnen und Patienten, die bereits Tramadol einnehmen — vor allem in Kombination mit SSRI, SNRI oder Triptanen — kann Alkohol zu einem serotoninüberschießenden Zustand mit Agitation, Hyperthermie, Klonus und autonomer Instabilität beitragen [VERIFY].
Risikovergleich: Tramadol allein vs. Tramadol mit Alkohol
| Parameter | Tramadol allein | Tramadol + Alkohol |
|---|---|---|
| Atemdepression | Dosisabhängig; klinisch relevant ab 400 mg/Tag [7] | Risiko steigt deutlich, sogar bei therapeutischen Tramadol-Dosen [VERIFY] |
| Krampfschwelle | Herabgesetzt, vor allem über 400 mg/Tag oder bei rascher Dosissteigerung [8] | Alkoholentzug senkt die Krampfschwelle zusätzlich; das kombinierte Risiko potenziert sich [VERIFY] |
| Sedierung / kognitive Beeinträchtigung | Häufig zu Therapiebeginn; partielle Toleranzentwicklung [7] | Deutlich verstärkt; psychomotorische Einschränkung bei jeder Kombinationsdosis fahruntüchtigkeitsrelevant [VERIFY] |
| Hepatotoxizität | Selten bei therapeutischer Dosierung [7] | Leberenzyme (AST, ALT, AP, GGT) bei kombinierter Einnahme signifikant erhöht [1] |
| Nephrotoxizität | Selten [7] | Erhöhte Werte für Kreatinin und Harnstoff bei chronischem Mischkonsum beobachtet [1] |
| Marker für oxidativen Stress | Bei therapeutischer Dosis im Normbereich [1] | MDA und LDH signifikant erhöht [1] |
| Serotoninsyndrom-Risiko | Gering bei Monotherapie [8] | Möglicherweise erhöht durch akute alkoholvermittelte Serotoninfreisetzung [8] |
| Letalität bei Überdosierung | Mit Naloxon behandelbar, sofern rechtzeitig erkannt [8] | Höhere Letalität; Naloxon hebt die alkoholbedingte ZNS-Dämpfung nicht auf [VERIFY] |
Diese Tabelle verdeutlicht einen zentralen Punkt: Die ohnehin engere therapeutische Breite von Tramadol im Vergleich zu vielen anderen Analgetika schrumpft unter Alkoholeinfluss dramatisch.
Organschäden durch kombinierten Tramadol- und Alkoholkonsum
Die Studie von Dic-Ijiewere und Osadolor (2023) liefert einen der direktesten klinischen Belege für Organschäden durch kombinierten Tramadol-Alkohol-Missbrauch [1]. Ihre Querschnittsanalyse von 82 erwachsenen Männern, die beide Substanzen mindestens ein Jahr lang gleichzeitig konsumiert hatten, ergab Folgendes:
Leberschäden. Die Serumspiegel von Alaninaminotransferase (ALT), Aspartataminotransferase (AST), alkalischer Phosphatase (AP) und Gamma-Glutamyl-Transferase (GGT) waren in der Mischkonsum-Gruppe gegenüber Kontrollen signifikant erhöht [1]. Sowohl Tramadol (über CYP-vermittelte Bildung reaktiver Metaboliten) als auch Alkohol (über Acetaldehyd und CYP2E1-getriebene oxidative Stoffwechselwege) sind unabhängig voneinander hepatotoxisch. Ihre Kombination beschleunigt die oxidative Schädigung und kann die Schwelle für eine klinisch relevante Lebererkrankung senken.
Nierenschäden. Dieselbe Studie berichtete über erhöhte Serumkreatinin- und Harnstoffwerte, was auf eine eingeschränkte glomeruläre Filtration hindeutet [1]. Chronischer Alkoholkonsum ist ein anerkannter Risikofaktor für Nierenerkrankungen, und die zusätzliche oxidative Belastung durch den Tramadol-Stoffwechsel scheint die renale Schädigung zu verstärken.
Oxidativer Stress. Malondialdehyd, ein Produkt der Lipidperoxidation, und Laktatdehydrogenase, ein Marker für Zellschäden, waren in der Mischkonsum-Gruppe beide signifikant erhöht [1]. Erhöhter oxidativer Stress ist keine bloße Laborkuriosität — er treibt endotheliale Dysfunktion, beschleunigt Atherosklerose und fördert Fibrose in mehreren Organsystemen.
Die am häufigsten von den Probanden eingenommene Tramadol-Dosis betrug 200 mg, was 43,9 % der Studienteilnehmer angaben [1]. Dies liegt im oberen therapeutischen Bereich (die maximal empfohlene Tagesdosis beträgt in der Regel 400 mg) und zeigt, dass Organschäden auch ohne grob supratherapeutische Dosierung auftreten können, wenn Alkohol als Kofaktor hinzukommt.
Unerwünschte Wirkungen und Warnsignale beim Mischkonsum von Tramadol und Alkohol
| Unerwünschte Wirkung | Ungefähre Häufigkeit | Erforderliche Maßnahme |
|---|---|---|
| Übermäßige Schläfrigkeit / Sedierung | Sehr häufig | Nicht Auto fahren oder Maschinen bedienen. Bei Persistenz ärztliche Abklärung. |
| Übelkeit und Erbrechen | Häufig | Aspirationsgefahr bei eingeschränktem Bewusstsein — Patient in stabile Seitenlage bringen, Notruf 112 wählen. |
| Atemdepression (langsame, flache Atmung) | Allein selten; deutlich häufiger mit Alkohol | MEDIZINISCHER NOTFALL. Sofort Notruf 112 wählen. Falls verfügbar, Naloxon verabreichen. |
| Krampfanfälle | Selten; Risiko steigt bei Dosen >400 mg/Tag und bei Alkoholentzug | MEDIZINISCHER NOTFALL. Nicht festhalten. Kopf schützen. Notruf 112 wählen. |
| Serotoninsyndrom (Agitation, Hyperthermie, Klonus, Tachykardie) | Bei Monotherapie selten; Risiko erhöht durch serotonerge Komedikation und möglicherweise Alkohol | MEDIZINISCHER NOTFALL. Alle serotonergen Substanzen absetzen. Sofortige ärztliche Versorgung. |
| Hypoglykämie | Selten; sowohl Tramadol als auch Alkohol können den Blutzucker unabhängig senken | Blutzucker kontrollieren. Bei Bewusstsein orale Glukose. Bei schwerem Verlauf ärztliche Hilfe. |
| Bewusstlosigkeit / Koma | Mit Tramadol allein selten; Risiko mit Alkohol deutlich erhöht | MEDIZINISCHER NOTFALL. Atemwege freihalten. Sofort Notruf 112 wählen. |
| Erhöhung der Leberenzyme (Hepatotoxizität) | Dokumentiert bei chronischem Mischkonsum [1] | Regelmäßige Kontrolle der Leberwerte, falls Konsum nicht beendet werden kann. Dringende Aufklärung zur Beendigung. |
| Nierenfunktionsstörung | Dokumentiert bei chronischem Mischkonsum [1] | Serumkreatinin und eGFR prüfen. Bei sich verschlechternder Funktion Überweisung zur Nephrologie. |
Warnsignale, die eine sofortige Notfallversorgung erfordern:
- Atemfrequenz unter 12 Atemzügen pro Minute oder unregelmäßige Atmung
- Blau- oder Graufärbung der Lippen oder Fingerspitzen (Zyanose)
- Nicht erweckbar oder fehlende Reaktion
- Krampfaktivität
- Hohes Fieber mit Muskelrigidität und Verwirrtheit
Besondere Patientengruppen: Wer ist am stärksten gefährdet?
Junge Erwachsene und Studierende
Epidemiologische Daten aus mehreren Ländern zeigen, dass die Kombination von Tramadol und Alkohol nicht nur ein theoretisches pharmakologisches Problem ist, sondern ein aktives Public-Health-Problem, insbesondere bei jungen Männern.
In Ägypten fanden Bassiony et al. (2018) eine Tramadol-Prävalenz von 12,3 % unter Studierenden, wobei 85 % der Anwender mindestens eine zusätzliche Substanz einnahmen; Rauchen, Cannabis- und Alkoholkonsum waren jeweils unabhängige Prädiktoren des Tramadolkonsums [3]. Kabbash et al. (2022) berichteten in ähnlicher Weise, dass unter 2 552 Studierenden der Kafr-El-Sheikh-Universität 1,0 % einen aktuellen Tramadolmissbrauch und 2,7 % einen Alkoholkonsum aufwiesen, wobei männliche Studierende deutlich häufiger beides berichteten [2].
In Subsahara-Afrika ist der Trend gut dokumentiert. Idowu et al. (2023) befragten 420 Jugendliche im ländlichen Südwesten Nigerias und stellten fest, dass 12,3 % Substanzmissbrauch betrieben; Tramadol gehörte neben Shisha und Alkohol zu den am häufigsten missbrauchten Substanzen [5]. In Kamerun berichteten Ekwoge et al. (2024), dass 42,4 % der Schülerinnen und Schüler der Oberstufe mindestens eine Substanz konsumiert hatten, überwiegend Alkohol (40,5 %), wobei 1,6 % einen früheren Tramadolkonsum angaben; männliches Geschlecht, Depression und geringes Selbstwertgefühl waren signifikante Risikofaktoren [6].
Eine Studie aus iranischen Gefängnissen ergab, dass 16,9 % der männlichen Insassen Tramadol konsumierten, während 19,3 % Alkohol tranken [4]. Polysubstanzgebrauch war die Regel: 41,5 % berichteten den Konsum von zwei oder mehr Substanzen, und Substanzkonsum unter Gleichaltrigen und Familienmitgliedern war ein starker Prädiktor [4].
Diese Daten zeigen, dass der gemeinsame Konsum von Tramadol und Alkohol überproportional junge Männer betrifft, häufig im Kontext eines Polysubstanzkonsums auftritt und durch soziale und umweltbezogene Faktoren begünstigt wird — Gruppendruck, Depression, geringes Selbstwertgefühl und eingeschränkter Zugang zu psychischen Versorgungsangeboten [2][3][5][6].
Ultraschnelle CYP2D6-Metabolisierer
Personen mit mehreren funktionellen Kopien des CYP2D6-Gens setzen Tramadol beschleunigt zu M1 um [8]. Bei ihnen erzeugen bereits Standarddosen Tramadol eine Opioidexposition, die bei normalen Metabolisierern erst durch höhere Dosen erreicht wird. Kommt Alkohol hinzu — der durch CYP3A4-Hemmung den Metabolismus zusätzlich in Richtung CYP2D6 verschieben kann —, entsteht ein pharmakokinetischer „Sturm" mit hohem Risiko für Opioidtoxizität [1][8]. FDA (USA; DACH: BfArM/AGES/Swissmedic, EMA) und EMA haben spezifische Warnhinweise zur Anwendung von Tramadol bei bekannten oder vermuteten ultraschnellen CYP2D6-Metabolisierern herausgegeben [VERIFY].
Patientinnen und Patienten unter serotonergen Medikamenten
Wer gleichzeitig SSRI (z. B. Fluoxetin, Sertralin), SNRI (z. B. Venlafaxin, Duloxetin), MAO-Hemmer oder Triptane einnimmt, hat unter Tramadol ein erhöhtes Risiko für ein Serotoninsyndrom [8]. Alkohol kann die Serotoninspiegel in dieser Kombination zusätzlich anheben, auch wenn robuste klinische Daten zu dieser dreifachen Interaktion fehlen. Das umsichtige klinische Vorgehen besteht im absoluten Verzicht auf Alkohol bei Patientinnen und Patienten, die Tramadol zusammen mit einem serotonergen Wirkstoff einnehmen.
Ältere Menschen
Altersbedingt verlangsamen sich Leber- und Nierenfunktion und damit auch die Tramadol-Clearance. Die mittlere Eliminationshalbwertszeit von Tramadol liegt bei jungen, gesunden Erwachsenen bei etwa 6 Stunden [7], kann bei älteren Patientinnen und Patienten aber deutlich verlängert sein. Kommt Alkohol hinzu, steigen die Risiken für Wirkstoffkumulation, übermäßige Sedierung und Stürze erheblich. Leitlinien empfehlen in der Regel, dass die Tramadol-Dosis bei Patienten über 75 Jahren 300 mg/Tag nicht überschreiten sollte und Alkohol strikt zu meiden ist [VERIFY].
Patientinnen und Patienten mit Leber- oder Nierenfunktionsstörung
Angesichts der Belege für Hepato- und Nephrotoxizität durch den Mischkonsum [1] tragen Personen mit vorbestehender Leber- oder Nierenerkrankung ein potenziertes Risiko. Tramadol und seine Metaboliten werden überwiegend renal ausgeschieden [7]; eine Niereninsuffizienz verzögert daher die Clearance und erhöht die Exposition gegenüber aktiven Metaboliten. Bei Leberzirrhose ist die Aktivität der CYP450-Enzyme reduziert und unvorhersehbar, was die metabolische Wechselwirkung mit Alkohol noch schwerer kalkulierbar macht.
FAQ
F1: Darf ich unter Tramadol-Therapie ein einziges Bier oder Glas Wein trinken? A1: Nein. Es gibt keine belastbaren Belege für eine „sichere" Alkoholmenge unter Tramadol. Bereits ein einziges Standardgetränk (etwa 14 g Ethanol) führt zu messbarer ZNS-Dämpfung und verändert die CYP450-Enzymaktivität. Da individuelle Unterschiede im CYP2D6- und CYP3A4-Stoffwechsel die Wechselwirkung unvorhersehbar machen, empfehlen alle maßgeblichen Leitlinien — einschließlich der FDA-Fachinformation — den vollständigen Alkoholverzicht während der Tramadol-Therapie [7][8].
F2: Wie lange nach Absetzen von Tramadol darf ich wieder Alkohol trinken? A2: Die mittlere Eliminationshalbwertszeit von Tramadol beträgt etwa 6 Stunden, ebenso wie die des aktiven Metaboliten M1 [7]. Eine pharmakokinetische Faustregel besagt, dass ein Wirkstoff nach fünf Halbwertszeiten als praktisch eliminiert gilt — bei Tramadol also nach etwa 30 Stunden. Retardformulierungen verlängern diesen Zeitraum jedoch, und der individuelle Metabolisierer-Status beeinflusst die Clearance. Eine konservative Empfehlung lautet, mindestens 48 Stunden nach der letzten Tramadol-Dosis zu warten; Patientinnen und Patienten sollten dies jedoch mit ihrer behandelnden Ärztin oder ihrem Arzt abklären.
F3: Wird Tramadol bei einem Drogentest anders nachgewiesen, wenn ich Alkohol getrunken habe? A3: Standardurintests auf Drogen erfassen Tramadol in der üblichen Opioid-Panel normalerweise nicht, da sich seine Struktur von morphinartigen Opioiden unterscheidet. Zum spezifischen Nachweis von Tramadol und M1 werden spezielle Immunoassays oder Bestätigungsverfahren (GC-MS, LC-MS/MS) benötigt. Alkohol-Mitkonsum verändert nicht, ob Tramadol nachgewiesen wird, kann aber aufgrund der CYP450-Konkurrenz das Verhältnis der in quantitativen Tests gemessenen Metaboliten beeinflussen [1][8].
F4: Ich habe versehentlich Alkohol unter Tramadol getrunken. Was soll ich tun? A4: Wenn Sie eine kleine Menge Alkohol konsumiert haben und sich normal fühlen, hören Sie sofort auf zu trinken, bleiben Sie in einer sicheren Umgebung und lassen Sie sich mindestens 6–8 Stunden lang von jemandem auf Anzeichen übermäßiger Sedierung, verlangsamter Atmung oder Verwirrtheit beobachten. Nehmen Sie keine weitere Tramadol-Dosis ein, bevor der Alkohol vollständig abgebaut ist. Bei Atemnot, extremer Schläfrigkeit, Erbrechen oder einem der in diesem Artikel aufgeführten Warnsignale wählen Sie sofort den Notruf 112.
F5: Gibt es Schmerzmittel, die sich sicherer mit gelegentlichem Alkoholkonsum kombinieren lassen? A5: Kein Opioidanalgetikum lässt sich sicher mit Alkohol kombinieren. Für Patientinnen und Patienten, die gelegentlich trinken, können nicht-opioide Alternativen wie Paracetamol in einer Dosis ≤2 g/Tag (reduziert vom üblichen Höchstwert von 4 g/Tag, um die hepatotoxische Wirkung von Alkohol zu berücksichtigen) oder topische NSAR mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Aber auch Paracetamol birgt bei regelmäßigem Alkoholkonsum ein Hepatotoxizitätsrisiko. Am sichersten ist es, den eigenen Alkoholkonsum offen mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen, damit die Schmerztherapie entsprechend angepasst werden kann.
Literatur
[1] Dic-Ijiewere EO, Osadolor HB. Cureus 2023. PMID:37123794. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37123794
[2] Kabbash I, Zidan O, Saied S. Eastern Mediterranean Health Journal 2022. PMID:35165876. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35165876
[3] Bassiony MM, Abdelghani M, Salah El-Deen GM. Journal of Addiction Medicine 2018. PMID:29334513. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29334513
[4] Khalooei A, Mashayekhi-Dowlatabad M, Rajabalipour MR. Addiction & Health 2016. PMID:28819553. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28819553
[5] Idowu A, Aremu AO, Akanbi IM. African Health Sciences 2023. PMID:38974308. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38974308
[6] Ekwoge HT, Mbah SA, Fodjo JNS. The Pan African Medical Journal 2024. PMID:40190426. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40190426
[7] Grond S, Sablotzki A. Clinical Pharmacokinetics 2004. PMID:15509185. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15509185
[8] Miotto K, Cho AK, Khalil MA. Anesthesia and Analgesia 2017. PMID:27861439. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27861439
Über den Autor
Dr. Stanislav Ozarchuk, PharmD, verfügt über 15 Jahre klinische Erfahrung in der Pharmazie mit Schwerpunkt auf Schmerztherapie, Opioidpharmakologie und Arzneimittelinteraktionen. Er schreibt für PillsCard.com, die internationale Arzneimittelenzyklopädie.
Medizinischer Haftungsausschluss
Die hier bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich Bildungszwecken und ersetzen keine professionelle medizinische Beratung. Konsultieren Sie stets eine qualifizierte medizinische Fachkraft, bevor Sie ein Medikament beginnen, absetzen oder dessen Dosierung verändern. Bei lebensbedrohlichen Symptomen — etwa Atemnot, Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen — wählen Sie sofort den Notruf 112.