## Überblick
Eine laufende Nase – medizinisch als **Rhinorrhö** bezeichnet (ICD-10: R09.81) – beschreibt ein übermäßiges Nasensekret, das aus den Nasenlöchern tropft oder nach hinten in den Rachen abfließt (postnasal drip). Das Sekret kann je nach zugrundeliegender Ursache dünnflüssig und wässrig, dickflüssig und schleimig oder eitrig (gelb-grün) sein.
Die Rhinorrhö gehört zu den häufigsten Symptomen in der hausärztlichen Praxis. Allein Infektionen der oberen Atemwege verursachen in den USA jährlich rund 500 Millionen Episoden, wobei die Rhinorrhö ein nahezu universelles Merkmal darstellt [1]. Die allergische Rhinitis betrifft schätzungsweise 10–30 % der Erwachsenen weltweit und bis zu 40 % der Kinder und ist damit die häufigste chronische Ursache einer laufenden Nase [6]. Da das Symptom so weit verbreitet ist, gehört es zu den am häufigsten online gesuchten Gesundheitsbegriffen, da Menschen Gewissheit suchen, ob ihre laufende Nase „nur eine Erkältung" oder etwas Ernsteres ist.
Obwohl die Rhinorrhö in der Regel gutartig und selbstlimitierend ist, kann sie gelegentlich auf Erkrankungen hinweisen, die eine zeitnahe Abklärung erfordern – darunter eine Liquorfistel (Liquorrhö), eine Fremdkörperaspiration bei Kindern oder invasive Infektionen. Das Verständnis von Mechanismus, Dauer und Beschaffenheit des Nasensekrets hilft, eine angemessene Selbstbehandlung, eine rezeptfreie (OTC-) Therapie oder eine rechtzeitige Überweisung zu wählen.
## Häufige Ursachen
Die Nasenschleimhaut produziert unter normalen Bedingungen täglich etwa einen Liter Schleim. Eine Rhinorrhö entsteht, wenn die Produktion zunimmt, die Sekretabfuhr abnimmt oder beides. Im Folgenden sind die häufigsten Ursachen, grob nach Häufigkeit geordnet, aufgeführt.
### 1. Virale Infektion der oberen Atemwege (Erkältung)
Rhinoviren (verantwortlich für ~50 % der Erkältungen), Coronaviren und andere respiratorische Viren befallen die Epithelzellen der Nase und lösen eine entzündliche Kaskade aus, die die Gefäßpermeabilität erhöht und die Sekretion der Becherzellen anregt [1]. Der charakteristische Verlauf – wässriges Sekret für 1–2 Tage, Verdickung zu schleimigem Sekret innerhalb von 3–5 Tagen, Abklingen innerhalb von 7–10 Tagen – spiegelt die Immunantwort wider und nicht etwa eine bakterielle Superinfektion.
### 2. Allergische Rhinitis
Inhalative Allergene (Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmel) vernetzen IgE auf Mastzellen der Nasenschleimhaut, was zu deren Degranulation und zur Freisetzung von Histamin, Leukotrienen und Prostaglandinen führt. Daraus ergibt sich die klassische Trias aus Rhinorrhö, Niesen und Nasenverstopfung [6]. Eine allergische Rhinorrhö ist typischerweise beidseitig, wässrig und wird von Augenjucken begleitet.
### 3. Nicht-allergische Rhinitis (vasomotorische Rhinitis)
Eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, gekennzeichnet durch eine nasale Hyperreaktivität auf nicht-allergische Auslöser – Temperaturwechsel, starke Gerüche, Luftfeuchtigkeit, scharfe Speisen (gustatorische Rhinitis) und hormonelle Schwankungen [3]. Das Sekret ist in der Regel klar und wässrig. Pricktests und spezifische IgE sind negativ.
### 4. Sinusitis (Rhinosinusitis)
Wenn die Ostien der Nasennebenhöhlen verlegt sind – häufig nach einem viralen Infekt der oberen Atemwege – können zurückgehaltene Sekrete sekundär bakteriell infiziert werden. Eine akute bakterielle Rhinosinusitis (ABRS) ist anzunehmen bei Symptomen, die ohne Besserung länger als 10 Tage bestehen, bei einer „doppelten Verschlechterung" (initiale Besserung gefolgt von erneuter Verschlechterung) oder bei hohem Fieber mit eitrigem Sekret über ≥3 Tage. Das Sekret ist charakteristischerweise dickflüssig, verfärbt und häufig einseitig.
### 5. Medikamenteninduziert (medikamenteninduzierte Rhinitis)
Eine übermäßige Anwendung topischer abschwellender Nasensprays (Oxymetazolin, Phenylephrin) über mehr als 3–5 aufeinanderfolgende Tage kann eine Rebound-Kongestion und Rhinorrhö verursachen, bekannt als **Rhinitis medicamentosa**. Weitere implizierte Medikamente sind ACE-Hemmer, Betablocker, orale Kontrazeptiva, NSAR und einige Antihypertensiva [3].
### 6. Umweltreizstoffe
Tabakrauch, Luftverschmutzung, berufliche Chemikalien und trockene Innenraumluft können eine nicht-allergische Entzündungsreaktion der Nasenschleimhaut auslösen und die Schleimproduktion steigern.
### 7. Strukturelle Ursachen
Eine Nasenseptumdeviation, Nasenpolypen und eine Adenoidhyperplasie (insbesondere bei Kindern) können die normale mukoziliäre Clearance beeinträchtigen und zu einer chronischen oder rezidivierenden Rhinorrhö führen.
### 8. Liquorfistel (selten, aber ernst)
Ein einseitiges, klares, wässriges Sekret, das sich beim Vornüberbeugen oder Pressen verstärkt, kann auf eine Liquorfistel hinweisen, typischerweise nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder einer Operation an den Nasennebenhöhlen oder der Schädelbasis. Dies erfordert eine dringende Abklärung.
## WARNZEICHEN
Suchen Sie **sofort medizinische Hilfe auf** (Notaufnahme oder Notruf), wenn eine laufende Nase mit einem der folgenden Symptome einhergeht:
- **Klares, wässriges, einseitiges Sekret nach Schädel-Hirn-Trauma** – kann auf eine Liquorfistel hinweisen; Risiko einer Meningitis
- **Hohes Fieber (≥ 39,4 °C / 103 °F) mit Gesichtsschwellung, starken Kopfschmerzen oder Sehstörungen** – mögliche orbitale oder intrakranielle Komplikation einer Sinusitis
- **Blutiges Sekret (Epistaxis), das auch nach 20 Minuten direktem Druck nicht stoppt**, insbesondere unter antikoagulativer Therapie
- **Atembeschwerden, Giemen oder Schwellung im Rachen** in Verbindung mit akut einsetzender Rhinorrhö – mögliche Anaphylaxie
- **Nackensteifigkeit, Verwirrtheit oder Photophobie** mit Nasensekret und Fieber – Verdacht auf Meningitis
- **Verdacht auf Fremdkörper bei einem Kind** – einseitiges, übelriechendes, eitriges oder blutiges Sekret
- **Rasch fortschreitender Gesichtsschmerz und sichtbares dunkles oder nekrotisches Gewebe** in der Nase, insbesondere bei immungeschwächten oder diabetischen Patienten – Verdacht auf eine invasive mykotische Sinusitis
## Selbstbehandlung zu Hause
Die folgenden nicht-pharmakologischen Maßnahmen sind durch Evidenz zur Behandlung einer Rhinorrhö gestützt.
### Nasenspülungen mit Kochsalzlösung
Isotone oder hypertone Kochsalzspülungen (mittels Neti-Kanne, Spülflasche oder kommerziellen Geräten) entfernen Schleim, Allergene und Entzündungsmediatoren mechanisch aus der Nasenhöhle. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit fand, dass Nasenspülungen sowohl bei akuten oberen Atemwegsinfekten als auch bei chronischer Rhinosinusitis eine symptomatische Linderung bewirken können [5]. Verwenden Sie destilliertes, steriles oder zuvor abgekochtes und abgekühltes Wasser, um seltene, aber schwerwiegende Infektionen (z. B. mit *Naegleria fowleri*) zu vermeiden.
### Flüssigkeitszufuhr
Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (Wasser, Brühe, warme Tees) hilft, den Schleim dünnflüssig und leichter zu entfernen. Direkte Evidenz dafür, dass eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr Erkältungen heilt, ist begrenzt; Dehydratation verdickt jedoch das Sekret und verschlimmert die Symptome.
### Dampfinhalation
Das Einatmen warmer, befeuchteter Luft (aus einer Schüssel mit heißem Wasser oder einer heißen Dusche) kann eine Nasenverstopfung vorübergehend lindern und den Schleimabfluss fördern. Die Evidenz ist mäßig, und es muss auf Verbrennungen geachtet werden, insbesondere bei Kindern.
### Hochlagerung des Kopfes beim Schlafen
Ein zusätzliches Kissen oder das Anheben des Kopfendes des Bettes um 15–20° kann postnasalen Sekretfluss und nächtliche Verstopfung reduzieren, indem die schwerkraftbedingte Sinusdrainage gefördert wird.
### Allergenvermeidung
Bei allergischer Rhinitis ist die Reduktion der Exposition gegenüber identifizierten Auslösern eine Erstlinienstrategie [6]. Wesentliche Maßnahmen sind die Verwendung allergendichter Kissen- und Matratzenbezüge, das Schließen der Fenster in pollenstarken Jahreszeiten, das Duschen nach Aufenthalten im Freien und die Verwendung von HEPA-Luftreinigern.
### Warme Kompressen
Das Auflegen eines warmen, feuchten Tuchs auf die Nasennebenhöhlen kann den Druck im Gesicht lindern und den Sekretabfluss bei sinusitisbedingter Rhinorrhö fördern.
## OTC-Medikamente, die helfen
Die folgende Tabelle fasst gängige rezeptfreie Optionen nach Wirkstoffklasse zusammen.
| Klasse | Beispiel(e) | Typische Erwachsenendosis | Wirkmechanismus | Wichtige Hinweise / Kontraindikationen |
|---|---|---|---|---|
| **Orale Antihistaminika (2. Generation)** | Cetirizin (Zyrtec), Loratadin (Claritin), Fexofenadin (Allegra) | Cetirizin 10 mg einmal täglich; Loratadin 10 mg einmal täglich; Fexofenadin 180 mg einmal täglich | Blockieren H1-Rezeptoren und reduzieren histaminvermittelte Sekretion und Juckreiz | Bevorzugt bei allergischer Rhinitis; weniger sedierend als 1. Generation. Cetirizin kann dennoch leichte Schläfrigkeit verursachen. Bei nicht-allergischer Rhinorrhö in der Regel unwirksam [7]. |
| **Orale Antihistaminika (1. Generation)** | Diphenhydramin (Benadryl), Chlorphenamin | Diphenhydramin 25–50 mg alle 6–8 h; Chlorphenamin 4 mg alle 4–6 h | H1-Blockade plus anticholinerger austrocknender Effekt | Können aufgrund anticholinerger Eigenschaften die Rhinorrhö bei Erkältungen reduzieren [8]. Verursachen erhebliche Schläfrigkeit. Bei älteren Patienten (Beers-Liste), BPH und Engwinkelglaukom vermeiden. |
| **Intranasale Kortikosteroide** | Fluticasonpropionat (Flonase), Triamcinolon (Nasacort), Budesonid (Rhinocort) | 1–2 Sprühstöße pro Nasenloch einmal täglich | Reduzieren Schleimhautentzündung, Becherzellsekretion und Gefäßpermeabilität | Goldstandard bei allergischer Rhinitis [2]. Voller Wirkungseintritt nach 1–2 Wochen. Inzwischen rezeptfrei erhältlich. Minimale systemische Resorption. |
| **Topische Dekongestiva** | Oxymetazolin (Afrin), Phenylephrin-Nasenspray | 2–3 Sprühstöße pro Nasenloch alle 12 h (Oxymetazolin) | Alpha-adrenerger Agonist; Vasokonstriktion reduziert Schleimhautödem | Schnelle Linderung der Verstopfung. **Nicht länger als 3 aufeinanderfolgende Tage anwenden**, um Rhinitis medicamentosa zu vermeiden [4]. Bei unkontrollierter Hypertonie meiden. |
| **Orale Dekongestiva** | Pseudoephedrin (Sudafed), Phenylephrin (oral) | Pseudoephedrin 60 mg alle 4–6 h oder 120 mg retardiert alle 12 h | Systemische alpha-adrenerge Vasokonstriktion | Pseudoephedrin ist wirksamer als orales Phenylephrin [4]. In den USA hinter dem Apothekentresen. Bei unkontrollierter Hypertonie, schwerer koronarer Herzkrankheit und MAO-Hemmer-Einnahme meiden. |
| **Intranasales Anticholinergikum (in einigen Ländern OTC)** | Ipratropiumbromid 0,03 % (Atrovent Nasal) – verschreibungspflichtig in den USA, OTC in einigen Märkten | 2 Sprühstöße pro Nasenloch 2–3-mal täglich | Blockiert muskarinerge Rezeptoren und reduziert die Drüsensekretion | Besonders wirksam bei wässriger Rhinorrhö (vasomotorische/gustatorische Rhinitis und Erkältung). Lindert keine Verstopfung. |
| **Kochsalzsprays / -spülungen** | NeilMed, Ocean Spray, Navage | Bei Bedarf; Spülung 1–3-mal täglich | Mechanische Entfernung von Schleim und Reizstoffen | Keine Kontraindikationen. Sicher für alle Bevölkerungsgruppen einschließlich Schwangerer [5]. |
> **Hinweis:** Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von 2015 kam zu dem Schluss, dass Antihistaminika in den ersten 1–2 Tagen einer Erkältung einen mäßig positiven Effekt auf die Schwere der Rhinorrhö haben, die klinische Bedeutung jedoch gering ist und Nebenwirkungen (Sedierung) den Nutzen aufwiegen können [8].
## Verschreibungspflichtige Optionen
Verschreibungspflichtige Medikamente sind in der Regel indiziert, wenn OTC-Maßnahmen versagen, die Symptome chronisch oder schwer sind oder spezifische Diagnosen eine gezielte Therapie erfordern.
| Klasse | Beispiel(e) | Typische Erwachsenendosis | Indikation / Hinweise |
|---|---|---|---|
| **Intranasales Anticholinergikum** | Ipratropiumbromid 0,03 % (Atrovent Nasal) | 2 Sprühstöße pro Nasenloch 2–3-mal täglich | Erstlinientherapie (Rx) bei vasomotorischer Rhinitis und erkältungsbedingter wässriger Rhinorrhö [3]. Kann nasale Trockenheit und Epistaxis verursachen. |
| **Intranasale Antihistaminika** | Azelastin (Astelin/Astepro), Olopatadin (Patanase) | Azelastin 1–2 Sprühstöße pro Nasenloch zweimal täglich | Wirksam sowohl bei allergischer als auch nicht-allergischer Rhinitis [2]. Kann bitteren Geschmack und Schläfrigkeit verursachen. In den USA seit 2022 als Astepro rezeptfrei erhältlich. |
| **Kombinations-Nasenspray** | Azelastin/Fluticason (Dymista) | 1 Sprühstoß pro Nasenloch zweimal täglich | Bei mittelschwerer bis schwerer allergischer Rhinitis den Einzelkomponenten überlegen [6]. Nur verschreibungspflichtig. |
| **Leukotrienrezeptor-Antagonist** | Montelukast (Singulair) | 10 mg einmal täglich zur Nacht | Zweit- oder Drittlinie bei allergischer Rhinitis, insbesondere bei begleitendem Asthma. FDA-Boxed-Warning (2020) für neuropsychiatrische Ereignisse; Risiken vs. Nutzen abwägen. |
| **Orale Kortikosteroide** | Prednison | Kurze Ausschleichung, z. B. 30–40 mg täglich × 5–7 Tage | Vorbehalten für schwere Nasenpolyposis oder refraktäre Rhinosinusitis; verordnet durch HNO-Arzt oder Allergologe. Nicht für die routinemäßige Behandlung der Rhinorrhö. |
| **Antibiotika** | Amoxicillin-Clavulansäure, Doxycyclin | Amoxicillin-Clavulansäure 875/125 mg zweimal täglich × 5–10 Tage | Nur bei bestätigter oder dringendem Verdacht auf akute bakterielle Rhinosinusitis (Symptome >10 Tage ohne Besserung oder „doppelte Verschlechterung"). Die meiste Rhinorrhö ist viral – Antibiotika helfen nicht und tragen zu Resistenzen bei [2]. |
| **Immuntherapie** | Subkutane (SCIT) oder sublinguale (SLIT) Allergen-Immuntherapie | Individuell durch Allergologen | Bei allergischer Rhinitis mit unzureichender Kontrolle durch Medikamente oder wenn eine langfristige Krankheitsmodifikation gewünscht ist. Erfordert eine 3–5-jährige Therapiedauer. Verordnung und Einleitung durch den Allergologen [6]. |
## Üblicherweise angeordnete Laboruntersuchungen
Die meisten Fälle einer akuten Rhinorrhö erfordern keine Laboruntersuchung. Bei persistierenden, rezidivierenden oder atypischen Symptomen können folgende Tests erwogen werden:
| Test | Begründung | Wann angeordnet |
|---|---|---|
| **Nasenzytologie / Abstrich** | Eosinophile sprechen für eine allergische Rhinitis; neutrophile Granulozyten für eine Infektion | Chronische Rhinorrhö unklarer Ätiologie |
| **Pricktest (SPT)** oder **spezifisches IgE im Serum** (z. B. ImmunoCAP) | Identifiziert spezifische Allergensensibilisierung | Verdacht auf allergische Rhinitis bei unklaren Auslösern [7] |
| **Komplettes Blutbild (CBC) mit Differenzialblutbild** | Eosinophilie kann eine allergische Genese stützen; Leukozytose deutet auf eine Infektion hin | Chronische Symptome oder Verdacht auf systemische allergische Erkrankung |
| **Gesamt-Serum-IgE** | Erhöhte Werte stützen eine atopische Erkrankung, sind aber unspezifisch | Ergänzend zur spezifischen IgE-Diagnostik |
| **CT der Nasennebenhöhlen (Bildgebung, kein Labor)** | Beurteilt Sinusitis-Komplikationen, Polypen, strukturelle Anomalien | Chronische Rhinosinusitis (≥12 Wochen), Verdacht auf Komplikationen, präoperative Planung |
| **Beta-2-Transferrin** | Hochspezifischer Marker für Liquor; bestätigt eine Liquorrhö | Klare, einseitige Rhinorrhö nach Trauma oder Operation – Verdacht auf Liquorfistel |
| **Nasenendoskopie** | Direkte Visualisierung der Nasenhöhle, Nasenmuscheln, Sinusostien, Polypen | Persistierende einseitige Symptome, Verdacht auf Polypen, Fremdkörper, Tumor |
## Besondere Patientengruppen
### Kinder
- Kinder haben durchschnittlich **6–8 Erkältungen pro Jahr**, im Vergleich zu 2–3 bei Erwachsenen, was die Rhinorrhö zu einer sehr häufigen pädiatrischen Beschwerde macht [1].
- **Kochsalztropfen und vorsichtiges Absaugen der Nase** (Nasensauger) sind die Erstlinientherapie bei Säuglingen und Kleinkindern.
- **Rezeptfreie Husten- und Erkältungsmedikamente werden bei Kindern unter 6 Jahren NICHT empfohlen** (FDA-Warnung, 2008). Die American Academy of Pediatrics rät aufgrund mangelnder Wirksamkeit und des Risikos schwerer Nebenwirkungen von ihrer Anwendung in dieser Altersgruppe ab.
- **Antihistaminika der zweiten Generation** – Cetirizin ist zur Behandlung der allergischen Rhinitis bei Kindern ≥6 Monate zugelassen; Loratadin und Fexofenadin sind ab ≥2 Jahren zugelassen. Verwenden Sie stets gewichts- und altersgerechte Formulierungen. Konsultieren Sie zur Dosierung einen Kinderarzt.
- **Intranasale Kortikosteroide** – Fluticasonfuroat (Flonase Sensimist) ist ab ≥2 Jahren zugelassen; Mometason (Nasonex) ab ≥2 Jahren bei allergischer Rhinitis. Bei längerer Anwendung Wachstumsgeschwindigkeit überwachen.
- **Einseitiges, übelriechendes Sekret** bei einem Kind sollte stets eine Untersuchung auf einen nasalen **Fremdkörper** veranlassen.
### Schwangerschaft
- Die **Schwangerschaftsrhinitis** betrifft etwa 20–30 % der Schwangeren, typischerweise im zweiten und dritten Trimenon, bedingt durch eine östrogenvermittelte Schwellung der Nasenschleimhaut. Sie klingt innerhalb von 2 Wochen nach der Geburt ab.
- **Erstlinientherapie:** Nasenspülungen mit Kochsalzlösung und Nasenpflaster. Diese sind während der gesamten Schwangerschaft sicher.
- **Intranasale Kortikosteroide:** Budesonid ist das Mittel der Wahl (frühere FDA-Kategorie B; verfügt über die umfangreichsten Sicherheitsdaten unter den INCs in der Schwangerschaft) [2].
- **Orale Antihistaminika:** Cetirizin und Loratadin gelten in der Schwangerschaft bei Bedarf in der Regel als akzeptabel (frühere Kategorie B). Antihistaminika der ersten Generation (z. B. Chlorphenamin) verfügen über eine längere Sicherheitserfahrung, verursachen jedoch Sedierung.
- **Vermeiden:** Orale Dekongestiva, insbesondere Pseudoephedrin im ersten Trimenon (mögliche Assoziation mit Gastroschisis in einigen Studien; die Evidenz ist umstritten, Vorsicht ist jedoch geboten). Auch Phenylephrin sollte generell vermieden werden.
- **Immuntherapie:** Kann während der Schwangerschaft fortgeführt werden, wenn sie bereits etabliert ist, sollte aber nicht während der Schwangerschaft begonnen werden.
### Ältere Menschen
- Die **senile Rhinitis** (atrophische oder trockene Rhinitis) ist bei älteren Erwachsenen häufig und führt aufgrund einer beeinträchtigten mukoziliären Funktion zu einem paradoxerweise dünnflüssigen, wässrigen Sekret.
- **Antihistaminika der ersten Generation** stehen aufgrund anticholinerger Effekte (Verwirrtheit, Harnverhalt, Sedierung, Stürze) auf der **Beers-Liste** potenziell ungeeigneter Medikamente für ältere Erwachsene. Wirkstoffe der zweiten Generation werden bevorzugt.
- **Topisches Ipratropium** wird häufig gut vertragen und ist bei wässriger Rhinorrhö älterer Patienten wirksam [3].
- **Orale Dekongestiva** sollten aufgrund kardiovaskulärer Effekte (Hypertonie, Arrhythmie) mit Vorsicht angewendet werden.
### Sportler
- Eine durch körperliche Anstrengung bedingte Rhinorrhö ist häufig, insbesondere in kalter, trockener Luft – ausgelöst durch Abkühlung und Austrocknung der Nasenschleimhaut beim Mundatmen mit hohen Atemminutenvolumina.
- **Intranasales Ipratropium** vor dem Sport kann eine belastungsinduzierte Rhinorrhö verhindern.
- **Orale Dekongestiva (Pseudoephedrin):** Werden von der World Anti-Doping Agency (WADA) oberhalb bestimmter Schwellenwerte im Urin als verboten geführt. Wettkampfsportler sollten die aktuellen WADA-Bestimmungen vor der Anwendung prüfen.
- **Intranasale Kortikosteroide** sind von der WADA erlaubt und stellen eine geeignete Option für Sportler mit allergischer Rhinitis dar.
## Wann Eskalation erforderlich ist
Verwenden Sie folgende Schwellenwerte, um den erforderlichen Versorgungsgrad zu bestimmen.
### Selbstbehandlung ist angemessen, wenn:
- Symptome mild, beidseitig und mit einer Erkältung vereinbar sind (Dauer <10 Tage)
- Kein Fieber oder nur leichtes Fieber (<38,3 °C / 101 °F) besteht
- Symptome auf OTC-Behandlung und häusliche Maßnahmen ansprechen
### Aufsuchen eines Hausarztes (am selben Tag oder innerhalb weniger Tage), wenn:
- Die Rhinorrhö **>10 Tage ohne Besserung** anhält – mögliche bakterielle Sinusitis
- Dickflüssiges, eitriges Sekret mit **Gesichtsschmerz und Fieber** über >3 Tage besteht
- Wiederkehrende Episoden auf eine nicht diagnostizierte allergische Rhinitis oder strukturelle Probleme hindeuten
- Symptome trotz OTC-Behandlung Schlaf, Arbeit oder Lebensqualität beeinträchtigen
- Verdacht auf medikamenteninduzierte Rhinitis oder Rhinitis medicamentosa besteht
### Aufsuchen einer Notfallpraxis, wenn:
- Mäßiges Fieber (38,3–39,4 °C) mit zunehmendem Druck im Gesicht und farbigem Sekret („doppelte Verschlechterung")
- Erhebliches einseitiges **Nasenbluten**, das wiederkehrt oder schwer zu kontrollieren ist
- Kind mit Verdacht auf nasalen Fremdkörper und stabilen Vitalzeichen
### Aufsuchen der Notaufnahme / Notruf, wenn:
- Klares, wässriges, einseitiges Sekret **nach Kopfverletzung** (Verdacht auf Liquorfistel)
- Hohes Fieber (≥39,4 °C / 103 °F) mit **periorbitaler Schwellung, starken Kopfschmerzen, Sehstörungen oder verändertem Bewusstseinszustand** – mögliche Orbitaphlegmone oder intrakranielle Komplikation
- Anzeichen einer **Anaphylaxie**: rasch einsetzende Rhinorrhö mit Urtikaria, Engegefühl im Hals, Giemen, Hypotonie
- Immungeschwächter Patient mit rasch fortschreitenden Nasensymptomen und sichtbarem **dunklem/nekrotischem Gewebe** bei der Untersuchung
## Literatur
[1] Eccles R. Understanding the symptoms of the common cold and influenza. *Lancet Infect Dis*. 2005;5(11):718-725. PMID:16310147.
[2] Seidman MD, Gurgel RK, Lin SY, et al. Clinical practice guideline: Allergic rhinitis. *Otolaryngol Head Neck Surg*. 2015;152(1 Suppl):S1-S43. PMID:25644617.
[3] Sur DK, Plesa ML. Chronic Nonallergic Rhinitis. *Am Fam Physician*. 2018;98(3):171-176. PMID:30215910.
[4] Deckx L, De Sutter AI, Guo L, Mir NA, van Driel ML. Nasal decongestants in monotherapy for the common cold. *Cochrane Database Syst Rev*. 2016;10(10):CD009612. PMID:27748955.
[5] King D, Mitchell B, Williams CP, Spurling GK. Saline nasal irrigation for acute upper respiratory tract infections. *Cochrane Database Syst Rev*. 2015;2015(4):CD006821. PMID:25892369.
[6] Brożek JL, Bousquet J, Agache I, et al. Allergic Rhinitis and its Impact on Asthma (ARIA) guidelines — 2016 revision. *J Allergy Clin Immunol*. 2017;140(4):950-958. PMID:28602936.
[7] Wallace DV, Dykewicz MS, Bernstein DI, et al. The diagnosis and management of rhinitis: an updated practice parameter. *J Allergy Clin Immunol*. 2008;122(2 Suppl):S1-S84. PMID:18662584.
[8] De Sutter AI, Saraswat A, van Driel ML. Antihistamines for the common cold. *Cochrane Database Syst Rev*. 2015;2015(11):CD009345. PMID:26615034.
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*Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Konsultieren Sie für die Diagnose und Behandlung medizinischer Erkrankungen stets eine qualifizierte medizinische Fachkraft.*
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