## Überblick
Migräne ist eine komplexe, wiederkehrende neurologische Erkrankung, die durch mittelstarke bis starke Kopfschmerzen — typischerweise einseitig und pulsierend — gekennzeichnet ist und häufig von Übelkeit, Erbrechen sowie erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Licht (Photophobie) und Geräuschen (Phonophobie) begleitet wird. Sie ist unter dem ICD-10-Code **G43** klassifiziert und stellt eine der häufigsten und am stärksten beeinträchtigenden Erkrankungen weltweit dar.
Laut der Global Burden of Disease Study (GBD 2016) ist Migräne die zweithäufigste Ursache für mit Behinderung verbrachte Lebensjahre weltweit und betrifft etwa **1 Milliarde Menschen** in allen Altersgruppen (PMID:28919117) [1]. In den Vereinigten Staaten zeigen epidemiologische Daten, dass etwa **15–18 % der Frauen** und **6–8 % der Männer** in einem gegebenen Jahr unter Migräne leiden (PMID:25600719) [4]. Die höchste Prävalenz tritt zwischen dem 25. und 55. Lebensjahr auf — also in den produktivsten Berufsjahren.
Menschen suchen aus mehreren Gründen Informationen über Migräne: um Migräne von anderen Kopfschmerzarten zu unterscheiden, um Warnzeichen zu erkennen, die dringende Behandlung erfordern, um wirksame Linderungsstrategien zu finden und um zu verstehen, wann eine verschreibungspflichtige Behandlung gerechtfertigt ist. Dieser Artikel bietet einen umfassenden, evidenzbasierten Überblick über Migräne — ihre Ursachen, Behandlungen und die kritischen Warnsignale, die niemals ignoriert werden sollten.
Migräne ist nicht einfach „starke Kopfschmerzen". Sie ist eine Spektrumserkrankung mit klar abgrenzbaren Phasen — **Prodromalphase** (Stunden bis Tage zuvor), **Aura** (bei ~25–30 % der Patienten), **Kopfschmerzphase** und **Postdromalphase** — die jeweils unterschiedliche zugrunde liegende neurobiologische Prozesse widerspiegeln. Das Verständnis dieser Komplexität ist der Schlüssel zu einem wirksamen Management.
## Häufige Ursachen
Die Pathophysiologie der Migräne umfasst eine Kaskade neurologischer und vaskulärer Ereignisse. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat das Verständnis von einem rein vaskulären Modell hin zu einem **neurovaskulären Konzept** verschoben, das auf abnormaler Hirnerregbarkeit und Aktivierung des trigeminovaskulären Systems beruht (PMID:28179394) [2].
### 1. Genetische Prädisposition (häufigster Faktor)
Migräne hat eine starke erbliche Komponente. Zwillingsstudien deuten auf eine **Erblichkeit von 42–57 %** hin. Mehrere Genvarianten — darunter solche, die Ionenkanäle (z. B. *CACNA1A*, *SCN1A*), Neurotransmitterwege und Gefäßfunktion betreffen — tragen zur Migräneanfälligkeit bei. Ein Verwandter ersten Grades mit Migräne erhöht das eigene Risiko erheblich.
### 2. Trigeminovaskuläre Aktivierung
Das trigeminovaskuläre System — bestehend aus Trigeminusnervenfasern, die meningeale Blutgefäße innervieren — ist zentral für den Migräneschmerz. Die Aktivierung dieser sensorischen Fasern setzt vasoaktive Neuropeptide frei, insbesondere das **Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)**, Substanz P und Neurokinin A, die neurogene Entzündung und Vasodilatation duraler Blutgefäße fördern (PMID:28179394) [2].
### 3. Cortical Spreading Depression (CSD)
Die CSD ist eine sich langsam ausbreitende Welle neuronaler und glialer Depolarisation über den Kortex, gefolgt von einer anhaltenden Suppression der neuronalen Aktivität. Sie ist das anerkannte physiologische Substrat der **Migräneaura** und kann auch Kopfschmerzen auslösen, indem sie meningeale Nozizeptoren aktiviert — selbst bei Patienten ohne klinische Aura (PMID:33211930) [3].
### 4. Zentrale Sensibilisierung
Wiederholte trigeminovaskuläre Aktivierung kann zu zentraler Sensibilisierung führen — einem Zustand, in dem Neuronen zweiter und dritter Ordnung im Hirnstamm und Thalamus übererregbar werden. Dies erklärt **kutane Allodynie** (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize wie Haarekämmen) und den Übergang von episodischer zu chronischer Migräne.
### 5. Häufige Auslöser
Auslöser verursachen zwar keine Migräne, können aber bei prädisponierten Personen Anfälle hervorrufen. Evidenzgestützte Auslöser umfassen:
- **Hormonelle Schwankungen** — Östrogenentzug (Menstruation, Perimenopause) ist der einzelne konsistenteste Auslöser bei Frauen
- **Stress und Entspannung nach Stress** („Wochenendmigräne")
- **Schlafstörungen** — sowohl Schlafentzug als auch zu langer Schlaf
- **Ernährungsfaktoren** — Alkohol (insbesondere Rotwein), gereifter Käse, MSG, Koffeinentzug, ausgelassene Mahlzeiten
- **Umweltreize** — helles oder flackerndes Licht, intensive Gerüche, Luftdruckveränderungen
- **Medikamentenübergebrauch** — die Anwendung akuter Kopfschmerzmedikamente an ≥10–15 Tagen/Monat kann die Migränehäufigkeit paradoxerweise erhöhen (Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch)
### 6. Serotonin-Dysregulation
Ein veränderter Serotonin-(5-HT-)Stoffwechsel spielt bei Migräne eine Rolle. Die Thrombozyten-Serotoninspiegel fallen während der Anfälle ab, und Triptane — hochwirksame Akuttherapeutika — wirken durch Aktivierung von 5-HT₁B/₁D-Rezeptoren. Dies stützt die Beteiligung serotonerger Bahnen an der Migränemodulation.
## WARNSIGNALE
Die meisten Migräneanfälle sind zwar belastend, aber nicht gefährlich. Bestimmte Merkmale — manchmal mit dem Akronym **SNOOP4** zusammengefasst — weisen jedoch auf potenziell lebensbedrohliche Zustände hin, die Migräne nachahmen oder mit ihr koexistieren. **Suchen Sie sofort einen Notarzt auf (Notaufnahme/112)**, wenn Sie Folgendes erleben:
- **„Donnerschlag-Kopfschmerz"** — die schlimmsten Kopfschmerzen Ihres Lebens, die innerhalb von Sekunden bis Minuten ihre maximale Intensität erreichen (Hinweis auf Subarachnoidalblutung)
- **Neuer Kopfschmerz mit Fieber, Nackensteifigkeit und Hautausschlag** — mögliche Meningitis oder Enzephalitis
- **Kopfschmerz mit fokalen neurologischen Defiziten**, die sich nicht innerhalb von 60 Minuten zurückbilden — einseitige Schwäche, Sprachstörungen, Sehverlust (möglicher Schlaganfall)
- **Neu auftretender Kopfschmerz nach dem 50. Lebensjahr** — Verdacht auf Riesenzellarteriitis, intrakranielle Raumforderung oder andere sekundäre Ursachen
- **Kopfschmerz mit Papillenödem** (Schwellung der Sehnervenpapille) — Hinweis auf erhöhten intrakraniellen Druck
- **Progressiv zunehmender Kopfschmerz über Tage bis Wochen** trotz Behandlung — möglicher raumfordernder Prozess
- **Kopfschmerz, ausgelöst durch Husten, Anstrengung oder Valsalva-Manöver** — kann auf Chiari-Malformation oder intrakranielle Läsion hinweisen
- **Neuer Kopfschmerz bei Patienten mit Krebs, HIV oder Immunsuppression** — Risiko einer ZNS-Infektion oder Metastasierung
- **Kopfschmerz nach Kopftrauma** — mögliches subdurales oder epidurales Hämatom
- **Aurasymptome, die immer auf derselben Seite auftreten** oder motorische Schwäche umfassen — können auf hemiplegische Migräne oder eine strukturelle Läsion hinweisen, die eine Bildgebung erfordert
- **Krampfanfall in Verbindung mit Kopfschmerz**
> **Wichtig:** Wenn Sie ein etabliertes Migränemuster haben und sich Ihr aktueller Anfall anders anfühlt — stärker, länger anhaltend oder mit neuen Symptomen — behandeln Sie ihn als Warnsignal und suchen Sie umgehend ärztliche Beurteilung auf.
## Selbsthilfe zu Hause
Nicht-pharmakologische Strategien sind ein wesentlicher Bestandteil des Migränemanagements. Mehrere Ansätze sind durch Evidenz belegt.
### Während eines akuten Anfalls
- **Ruhe in einem ruhigen, abgedunkelten Raum** — die Reduzierung sensorischer Reize kann helfen, die Symptomschwere zu begrenzen
- **Kälteanwendung** — das Auflegen einer Kühlkompresse auf Stirn oder Schläfen für 15–20 Minuten kann die Schmerzintensität reduzieren. Eine kleine randomisierte Studie zeigte einen Nutzen von gefrorenen Nackenwickeln, die zu Kopfschmerzbeginn aufgelegt wurden
- **Flüssigkeitszufuhr** — Dehydration ist ein anerkannter Auslöser; ausreichende Flüssigkeitsaufnahme während eines Anfalls ist ratsam
- **Koffein in kleinen Mengen** — 65–200 mg Koffein können die analgetische Wirkung verstärken (es ist ein Adjuvans in mehreren OTC-Kombinationspräparaten), regelmäßiger Gebrauch birgt jedoch das Risiko eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch
### Vorbeugende Lebensstilmaßnahmen
- **Regelmäßiger Schlafrhythmus** — die Einhaltung konstanter Bett- und Aufwachzeiten, auch am Wochenende, ist eine der am konsistentesten empfohlenen Verhaltensinterventionen (PMID:25600718) [6]
- **Aerobes Training** — moderates aerobes Training (z. B. 30–40 Minuten, 3–5 Mal pro Woche) reduziert in randomisierten Studien die Migränehäufigkeit vergleichbar mit einer Topiramat-Prophylaxe
- **Stressbewältigung** — kognitive Verhaltenstherapie (KVT), achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) und Biofeedback haben Wirksamkeit in der Migräneprävention gezeigt. Biofeedback (thermal und EMG) erhält von der American Academy of Neurology eine Evidenzbewertung der Stufe A
- **Regelmäßige Ernährung** — Vermeidung längerer Fastenphasen, Beibehaltung regelmäßiger Mahlzeiten und Identifizierung persönlicher Nahrungsmittelauslöser durch Tagebuchaufzeichnung
- **Triggertagebuch** — Führen eines Kopfschmerztagebuchs, um Anfallshäufigkeit, Schwere, Dauer, Auslöser und Medikamenteneinnahme zu dokumentieren. Dies ist für die klinische Beurteilung und Therapieoptimierung unschätzbar wertvoll
- **Magnesiumsupplementation** — orales Magnesium (400–600 mg/Tag Magnesiumoxid oder -citrat) kann die Migränehäufigkeit reduzieren, insbesondere bei Patienten mit Aura. Die Evidenz ist moderat, aber unterstützend (PMID:22529202) [5]
- **Riboflavin (Vitamin B2)** — 400 mg/Tag haben in einer placebokontrollierten Studie einen Nutzen in der Migräneprävention gezeigt, mit günstigem Sicherheitsprofil
- **Coenzym Q10** — 100 mg dreimal täglich kann basierend auf begrenzten, aber positiven Studiendaten die Anfallshäufigkeit reduzieren
## OTC-Medikamente, die helfen
Rezeptfreie Analgetika sind eine geeignete Erstlinientherapie bei leichten bis mittelschweren Migräneanfällen. Die Evidenzbewertung der American Headache Society unterstützt die Anwendung mehrerer OTC-Wirkstoffe (PMID:25600718) [6].
| Klasse | Beispiel | Übliche Erwachsenendosis | Hinweise |
|---|---|---|---|
| **NSAR** | Ibuprofen | 400–600 mg zu Beginn, kann alle 6–8 h wiederholt werden (max. 1200 mg/Tag zur Selbstbehandlung) | Erstlinien-OTC-Option. Frühzeitige Einnahme im Anfall für beste Ergebnisse. Vermeiden bei Niereninsuffizienz, aktiven gastrointestinalen Ulzera oder im dritten Schwangerschaftstrimester. |
| **NSAR** | Naproxen-Natrium | 500–550 mg zu Beginn, kann mit 250 mg alle 12 h wiederholt werden (max. 750 mg/Tag) | Längere Wirkdauer als Ibuprofen. Gleiche gastrointestinale und renale Vorsichtsmaßnahmen. |
| **NSAR** | Acetylsalicylsäure | 900–1000 mg zu Beginn | Evidenzbasierte Dosis bei Migräne. Vermeiden bei Kindern/Jugendlichen (Reye-Syndrom-Risiko), Blutgerinnungsstörungen, ASS-empfindlichem Asthma. |
| **Analgetikum** | Paracetamol | 1000 mg zu Beginn (max. 3000–4000 mg/Tag) | Bei mittelschwerer Migräne weniger wirksam als NSAR, aber nützlich, wenn NSAR kontraindiziert sind. Tageslimits nicht überschreiten; Hepatotoxizitätsrisiko bei Übergebrauch oder Alkoholkonsum. |
| **Kombination** | Acetylsalicylsäure + Paracetamol + Koffein (z. B. Excedrin Migraine) | 2 Tabletten (250 mg ASS + 250 mg Paracetamol + 65 mg Koffein pro Tablette) | FDA-zugelassene OTC-Migränebehandlung. Koffein verstärkt die analgetische Resorption und Wirksamkeit. Anwendung auf ≤2 Tage/Woche begrenzen, um Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch zu vermeiden. |
| **Antiemetikum** | Dimenhydrinat | 50–100 mg alle 4–6 h (max. 400 mg/Tag) | Behandelt Übelkeits-/Erbrechenskomponente. Kann Schläfrigkeit verursachen. |
**Schlüsselprinzipien für die OTC-Anwendung:**
- **Frühzeitig behandeln** — Medikamente bei den ersten Migränezeichen einnehmen, bevor der Schmerz eskaliert und sich zentrale Sensibilisierung entwickelt
- **Ausreichende Dosis** — Unterdosierung ist ein häufiger Grund für OTC-Versagen
- **Häufigkeit begrenzen** — die Anwendung akuter Medikamente (OTC oder verschreibungspflichtig) an ≥10–15 Tagen/Monat kann zu Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch (MOH) führen
- **Antiemetika zuerst bei Erbrechen** — orale Medikamente werden bei migräneassoziierter Gastroparese schlecht resorbiert; ein Antiemetikum 15–20 Minuten vor dem Analgetikum erwägen
## Verschreibungspflichtige Optionen
Die verschreibungspflichtige Migränebehandlung gliedert sich in zwei Kategorien: **Akut- (Abortiv-)Therapie** und **vorbeugende (prophylaktische) Therapie**. Diese Medikamente werden in der Regel von einem Neurologen oder Hausarzt verordnet.
### Akute (abortive) verschreibungspflichtige Behandlungen
| Klasse | Beispiel(e) | Verabreichungsweg / Dosis | Hinweise |
|---|---|---|---|
| **Triptane** (5-HT₁B/₁D-Agonisten) | Sumatriptan, Rizatriptan, Eletriptan, Zolmitriptan | Sumatriptan 50–100 mg p.o., 6 mg s.c. oder 20 mg nasal | Goldstandard bei mittelschwerer bis schwerer Migräne. Kontraindiziert bei unkontrollierter Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall und peripherer Gefäßerkrankung. Nicht innerhalb von 24 Stunden nach Ergotaminen anwenden. |
| **Gepante** (CGRP-Rezeptor-Antagonisten) | Ubrogepant, Rimegepant | Ubrogepant 50–100 mg p.o.; Rimegepant 75 mg ODT | Neuere Klasse; nützlich, wenn Triptane kontraindiziert oder unwirksam sind. Keine vasokonstriktiven Eigenschaften. Rimegepant ist auch zur Prävention zugelassen (Dosierung jeden zweiten Tag). |
| **Ditane** (5-HT₁F-Agonisten) | Lasmiditan | 50–200 mg p.o. | Keine vasokonstriktiven Effekte — bei kardiovaskulären Erkrankungen einsetzbar. Verursacht Schwindel/Sedierung; Patienten sollten 8 Stunden nach Einnahme nicht Auto fahren. DEA Schedule V. |
| **Ergotamine** | Dihydroergotamin (DHE) | 1 mg i.v./i.m./s.c. oder Nasenspray | Wirksam bei langen Anfällen und Status migraenosus. Kontraindiziert bei kardiovaskulären Erkrankungen und Schwangerschaft. Nicht für häufigen Gebrauch. |
| **Antiemetika** (Dopamin-Antagonisten) | Metoclopramid, Prochlorperazin | Metoclopramid 10 mg i.v./p.o.; Prochlorperazin 10 mg i.v./p.o. | Nützlich als Monotherapie oder Zusatztherapie. Prochlorperazin i.v. ist eine Erstlinientherapie in der Notaufnahme. |
| **Kortikosteroide** | Dexamethason | 4–8 mg i.v. (Einzeldosis) | Adjuvante Anwendung in der Notaufnahme zur Reduktion von Kopfschmerzrezidiven innerhalb von 72 Stunden. Nicht für Routineanwendung. |
### Vorbeugende verschreibungspflichtige Behandlungen
Eine Prävention wird in der Regel empfohlen, wenn Migräne **≥4 Tage pro Monat** auftritt, die Funktion erheblich beeinträchtigt oder Akuttherapien kontraindiziert oder übergebraucht werden (PMID:22529202) [5].
| Klasse | Beispiel(e) | Übliche Dosis | Hinweise |
|---|---|---|---|
| **Betablocker** | Propranolol, Metoprolol | Propranolol 40–240 mg/Tag | Erstlinientherapie zur Prävention. Vermeiden bei Asthma, dekompensierter Herzinsuffizienz. Kann Müdigkeit und Belastungsintoleranz verursachen. |
| **Antiepileptika** | Topiramat, Valproat | Topiramat 50–100 mg/Tag; Valproat 500–1500 mg/Tag | Starke Evidenzgrundlage. Topiramat kann kognitive Verlangsamung und Gewichtsverlust verursachen; Valproat ist **teratogen** (kontraindiziert in der Schwangerschaft oder bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne Kontrazeption). |
| **Antidepressiva** | Amitriptylin, Venlafaxin | Amitriptylin 10–75 mg zur Nacht | Besonders nützlich, wenn Migräne mit Spannungskopfschmerz oder Schlaflosigkeit koexistiert. Anticholinerge Nebenwirkungen. |
| **Monoklonale CGRP-Antikörper** | Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab | Erenumab 70–140 mg s.c. monatlich | Zielgerichtete Therapie; in der Regel gut verträglich. Erenumab zielt auf den CGRP-Rezeptor; andere zielen auf den CGRP-Liganden. Eptinezumab wird i.v. verabreicht (vierteljährlich). |
| **Gepante (präventiv)** | Rimegepant, Atogepant | Atogepant 30–60 mg/Tag p.o.; Rimegepant 75 mg jeden zweiten Tag | Orale Antagonisten des CGRP-Signalwegs mit dualem akut-/präventivem Potenzial. |
| **OnabotulinumtoxinA** | Botox | 155–195 Einheiten i.m. alle 12 Wochen | FDA-Zulassung speziell für **chronische Migräne** (≥15 Kopfschmerztage/Monat). Verabreichung durch ausgebildete Spezialisten. |
| **Neuromodulationsgeräte** | sTMS, eTNS, nVNS, REN | Variiert je nach Gerät | Nicht-pharmakologische verschreibungspflichtige Optionen. FDA-zugelassene Geräte umfassen Single-Pulse-TMS (SpringTMS), externe Trigeminusnerv-Stimulation (Cefaly), nicht-invasive Vagusnerv-Stimulation (gammaCore) und Remote Electrical Neuromodulation (Nerivio). |
## Typischerweise angeordnete Laboruntersuchungen
Migräne ist eine **klinische Diagnose** — es gibt keine spezifische Laboruntersuchung oder Bildgebung, die Migräne bestätigt. Tests können jedoch angeordnet werden, um sekundäre Ursachen auszuschließen, Komorbiditäten zu beurteilen oder eine sichere Verschreibung zu leiten.
| Test | Begründung |
|---|---|
| [Großes Blutbild (CBC)](/tests/complete-blood-count) | Ausschluss von Anämie oder Infektion als Ursache der Kopfschmerzen |
| [Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG)](/tests/esr) und [C-reaktives Protein (CRP)](/tests/c-reactive-protein) | Erhöht bei Riesenzellarteriitis (insbesondere bei Patienten >50 Jahren mit neuem Kopfschmerz) |
| [Schilddrüsenfunktionstests (TSH)](/tests/thyroid-function-tests) | Schilddrüsenfunktionsstörungen können Kopfschmerzerkrankungen verschlimmern oder imitieren |
| [Basis-Stoffwechselpanel (BMP)](/tests/basic-metabolic-panel) | Beurteilung von Elektrolyten und Nierenfunktion, insbesondere vor der Verordnung von NSAR oder bestimmten Präventiva |
| [Leberfunktionstests](/tests/liver-function-tests) | Ausgangswert vor Beginn einer Therapie mit Valproat oder anderen hepatisch metabolisierten Präventiva |
| [Magnesiumspiegel](/tests/magnesium) | Hypomagnesiämie ist mit Migräne assoziiert; kann die Supplementierung leiten |
| [MRT des Gehirns mit/ohne Kontrastmittel](/tests/mri-brain) | Nicht routinemäßig bei typischer Migräne, aber indiziert bei atypischen Merkmalen, neuen neurologischen Zeichen oder Warnsymptomen |
| CT des Kopfes (nativ) | Notfallbildgebung bei Donnerschlag-Kopfschmerz zum Ausschluss einer Subarachnoidalblutung |
| Lumbalpunktion | Bei Verdacht auf Meningitis, idiopathische intrakranielle Hypertension oder Liquorunterdruck-Kopfschmerz (nach Bildgebung) |
## Besondere Patientengruppen
### Kinder und Jugendliche
Migräne betrifft etwa **8–10 % der Kinder im Schulalter**. Die pädiatrische Migräne präsentiert sich häufig anders als die Migräne bei Erwachsenen:
- Anfälle können kürzer sein (bereits ab 2 Stunden, gegenüber mindestens 4 Stunden bei Erwachsenen)
- Der Schmerz ist häufiger beidseitig (frontal oder temporal) als einseitig
- Gastrointestinale Symptome (Bauchschmerzen, Übelkeit) können vorherrschen — die „abdominelle Migräne" ist eine anerkannte pädiatrische Variante
**Behandlungsüberlegungen:**
- Ibuprofen und Paracetamol sind Erstlinientherapien zur Akutbehandlung bei Kindern, aber die **Dosierung muss gewichtsbasiert und durch einen pädiatrischen Kliniker festgelegt werden**
- Unter den Triptanen sind Almotriptan (≥12 Jahre) und Rizatriptan (≥6 Jahre) für die pädiatrische Anwendung von der FDA zugelassen
- Vorbeugende Medikamente bei Kindern sollten in der Regel von einem pädiatrischen Neurologen verordnet werden. Die Evidenz für die meisten Präventiva in der Pädiatrie ist begrenzt; die CHAMP-Studie ergab, dass Topiramat und Amitriptylin in der pädiatrischen Migräneprävention Placebo nicht überlegen waren
- Verhaltensinterventionen (KVT, Biofeedback) haben starke Evidenz bei pädiatrischer Migräne und werden in der Regel als Erstlinienprävention bevorzugt
### Schwangerschaft
Migräne — insbesondere Migräne ohne Aura — **bessert sich häufig während der Schwangerschaft**, insbesondere im zweiten und dritten Trimester, wahrscheinlich aufgrund stabiler Östrogenspiegel. Manche Frauen erleben jedoch eine Verschlechterung oder einen Neubeginn der Migräne.
**Behandlungsüberlegungen:**
- **Paracetamol** ist das bevorzugte Akutanalgetikum (in der Regel als mit der Schwangerschaft in allen Trimestern vereinbar angesehen)
- **NSAR** sollten nach der 20. Schwangerschaftswoche vermieden werden (Risiko eines vorzeitigen Verschlusses des Ductus arteriosus und Oligohydramnion; FDA-Sicherheitsmitteilung 2020) [7]
- **Triptane**: Sumatriptan hat die umfangreichsten Schwangerschaftsexpositionsdaten. Registerdaten haben keinen klaren Anstieg schwerer Geburtsfehler gezeigt, aber Triptane werden in der Regel nur dann angewendet, wenn der Nutzen das Risiko überwiegt, in Absprache mit einem Geburtshelfer
- **Ergotamine** sind in der Schwangerschaft **kontraindiziert** (uterotone Wirkung)
- **Valproat** ist in der Schwangerschaft **absolut kontraindiziert** (hohes teratogenes Risiko — Neuralrohrdefekte, Entwicklungsverzögerung)
- Zur Prävention können **Propranolol** oder **niedrig dosiertes Amitriptylin** in Erwägung gezogen werden, wenn nicht-pharmakologische Ansätze unzureichend sind
- **CGRP-zielgerichteten Therapien** (monoklonale Antikörper und Gepante) fehlen ausreichende Sicherheitsdaten in der Schwangerschaft; ein Absetzen wird in der Regel vor der Empfängnis oder bei Bestätigung einer Schwangerschaft empfohlen
- Nicht-pharmakologische Strategien (regelmäßiger Schlaf, Hydratation, Stressbewältigung, Akupunktur) sollten maximiert werden
### Ältere Menschen (≥65 Jahre)
- Eine neu auftretende Migräne ist nach dem 50. Lebensjahr ungewöhnlich — immer auf sekundäre Ursachen evaluieren (Riesenzellarteriitis, intrakranielle Pathologie)
- Triptane bergen bei älteren Menschen ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko; Gepante oder Lasmiditan können sicherere Alternativen sein
- Vorbeugende Medikamente erfordern eine sorgfältige Dosistitration aufgrund von Komorbiditäten und Polypharmazie. Betablocker können Bradykardie oder orthostatische Hypotonie verschlimmern; trizyklische Antidepressiva tragen eine anticholinerge Belastung (Verwirrung, Harnverhalt, Stürze)
- NSAR sollten aufgrund des erhöhten Risikos für gastrointestinale Blutungen und Niereninsuffizienz sparsam eingesetzt werden
- Monoklonale CGRP-Antikörper scheinen bei älteren Erwachsenen ein günstiges Sicherheitsprofil zu haben, obwohl die Studiendaten in dieser Altersgruppe begrenzt sind
### Sportler
- **Belastungsinduzierte Migräne** ist häufig und sollte vom primären Anstrengungskopfschmerz und der kardialen Cephalgie abgegrenzt werden
- Ausreichende Hydratation, allmähliches Aufwärmen und das Vermeiden von Training in extremer Hitze können belastungsinduzierte Anfälle reduzieren
- Betablocker können die sportliche Leistung beeinträchtigen (reduzierte Herzfrequenzreserve, Belastungsintoleranz); monoklonale CGRP-Antikörper oder Neuromodulationsgeräte können vorzuziehende präventive Optionen sein
- Sportler in organisierten Sportarten sollten sich bewusst sein, dass einige Migränemedikamente auf Anti-Doping-Verbotslisten stehen können (z. B. bestimmte Betablocker in Präzisionssportarten); konsultieren Sie sportmedizinische Leitlinien
- Postkommotioneller Kopfschmerz kann Migräne imitieren oder verschlimmern — jeder neue oder sich verschlechternde Kopfschmerz nach Kopfverletzung bei einem Sportler erfordert eine ordnungsgemäße Gehirnerschütterungsbeurteilung und ein Return-to-Play-Protokoll
## Wann eskalieren
Verwenden Sie folgenden Leitfaden zur Bestimmung des angemessenen Versorgungsniveaus:
### Hausarztbesuch am gleichen Tag
- Migräne, die durch OTC-Medikamente **nicht ausreichend kontrolliert** wird
- Migräne, die an **≥4 Tagen pro Monat** auftritt oder häufiger wird
- Bedarf an einer **verschreibungspflichtigen Akuttherapie** (Triptane, Gepante) oder Diskussion einer Prävention
- Migräne mit neuen oder unbekannten **Aurasymptomen** (z. B. erstmalig auftretende visuelle Aura)
- Sorge wegen **Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch** (Anwendung akuter Behandlungen an ≥10–15 Tagen/Monat)
### Notfallambulanz / Beurteilung am gleichen Tag
- Migräne, die trotz angemessener Akuttherapie **>72 Stunden** anhält (Status migraenosus)
- Migräne mit **anhaltendem Erbrechen**, das die Einnahme oraler Medikamente und Flüssigkeit verhindert (Dehydratationsrisiko)
- Migräne mit **ungewöhnlicher oder verlängerter Aura** (>60 Minuten)
- Migräne während der **Schwangerschaft** mit neuen Merkmalen
### Notaufnahme / Notruf 112
- **Donnerschlag-Kopfschmerz** — plötzlicher, starker Kopfschmerz, der innerhalb von Sekunden seine maximale Intensität erreicht
- Kopfschmerz mit **Fieber, Nackensteifigkeit, Verwirrtheit oder Hautausschlag**
- **Neue fokale neurologische Defizite** — Schwäche, Taubheit, Sprachschwierigkeiten, Sehverlust — die nicht einem typischen Auramuster folgen oder über 60 Minuten hinaus anhalten
- **Erster Krampfanfall** in Verbindung mit Kopfschmerz
- Kopfschmerz nach **Kopftrauma**, insbesondere mit Bewusstseinsveränderung
- Kopfschmerz mit **Zeichen erhöhten intrakraniellen Drucks** — Papillenödem, Verschlechterung beim Husten/Pressen, lagerungsabhängige Komponente
- Kopfschmerz bei Patienten, die **immungeschwächt sind, Antikoagulanzien einnehmen oder eine bekannte Malignität haben**
> **Haftungsausschluss:** Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Konsultieren Sie immer eine qualifizierte medizinische Fachkraft zur Diagnose und Behandlung von Migräne oder anderen medizinischen Erkrankungen. Individuelle Behandlungsentscheidungen sollten in Partnerschaft mit Ihrem Arzt auf der Grundlage Ihrer Krankengeschichte, Komorbiditäten und Präferenzen getroffen werden.
## Literaturverzeichnis
[1] GBD 2016 Disease and Injury Incidence and Prevalence Collaborators. Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 328 diseases and injuries for 195 countries, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. *Lancet*. 2017;390(10100):1211-1259. PMID:28919117.
[2] Goadsby PJ, Holland PR, Martins-Oliveira M, Hoffmann J, Schankin C, Akerman S. Pathophysiology of Migraine: A Disorder of Sensory Processing. *Physiol Rev*. 2017;97(2):553-622. PMID:28179394.
[3] Ashina M. Migraine. *N Engl J Med*. 2020;383(19):1866-1876. PMID:33211930.
[4] Burch RC, Loder S, Loder E, Smitherman TA. The prevalence and burden of migraine and severe headache in the United States: updated statistics from government health surveillance studies. *Headache*. 2015;55(1):21-34. PMID:25600719.
[5] Silberstein SD, Holland S, Freitag F, Dodick DW, Argoff C, Ashman E. Evidence-based guideline update: pharmacologic treatment for episodic migraine prevention in adults. *Neurology*. 2012;78(17):1337-1345. PMID:22529202.
[6] Marmura MJ, Silberstein SD, Schwedt TJ. The acute treatment of migraine in adults: the American Headache Society evidence assessment of migraine pharmacotherapies. *Headache*. 2015;55(1):3-20. PMID:25600718.
[7] U.S. Food and Drug Administration. FDA recommends avoiding use of NSAIDs in pregnancy at 20 weeks or later because they can result in low amniotic fluid. FDA Drug Safety Communication. October 2020. Available at: https://www.fda.gov/drugs/drug-safety-and-availability/fda-recommends-avoiding-use-nsaids-pregnancy-20-weeks-or-later.
[8] National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Headaches in over 12s: diagnosis and management. Clinical Guideline CG150. September 2012 (updated November 2021). Available at: https://www.nice.org.uk/guidance/cg150.
[9] Lipton RB, Bigal ME, Diamond M, Freitag F, Reed ML, Stewart WF; AMPP Advisory Group. Migraine prevalence, disease burden, and the need for preventive therapy. *Neurology*. 2007;68(5):343-349. PMID:17261680.
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