## Überblick
Angst ist eine normale emotionale Reaktion, die durch Gefühle von Sorge, Nervosität oder Unbehagen angesichts von Ereignissen mit ungewissem Ausgang gekennzeichnet ist. Wenn Angst anhaltend, übermäßig und in keinem Verhältnis zu tatsächlichen Bedrohungen steht — und die alltägliche Funktionsfähigkeit beeinträchtigt — kann sie eine klinische Angststörung darstellen, die unter dem ICD-10-Code F41 klassifiziert wird.
Angststörungen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Epidemiologischen Daten zufolge erleben etwa 31 % der Erwachsenen in den USA im Laufe ihres Lebens eine Angststörung, mit einer 12-Monats-Prävalenz von ungefähr 18 % [7]. Weltweit schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass im Jahr 2019 rund 301 Millionen Menschen mit einer Angststörung lebten, was sie zur häufigsten psychischen Erkrankung macht.
Menschen suchen aus vielen Gründen nach Informationen über Angst: um zu verstehen, ob ihre Symptome „normal" sind, um mögliche Ursachen zu identifizieren, um evidenzbasierte Bewältigungsstrategien zu finden und um festzustellen, wann professionelle Hilfe angebracht ist. Dieser Artikel bietet einen umfassenden, evidenzbasierten Überblick, um Leserinnen und Lesern fundierte Entscheidungen über ihre Gesundheit zu ermöglichen.
Angst manifestiert sich durch eine Kombination aus psychischen Symptomen (übermäßige Sorge, Gedankenrasen, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit) und körperlichen Symptomen (Herzrasen, Muskelverspannung, Schwitzen, gastrointestinale Beschwerden, Atemnot, Schwindel). Die körperlichen Manifestationen veranlassen Betroffene häufig, ärztliche Hilfe zu suchen, da sie eine kardiale oder respiratorische Erkrankung vermuten.
## Häufige Ursachen
Angst entsteht durch komplexe Wechselwirkungen zwischen biologischen, psychologischen und umweltbedingten Faktoren. Die folgenden Ursachen sind ungefähr nach Häufigkeit in der klinischen Praxis geordnet:
### 1. Generalisierte Angststörung (GAS)
Die am häufigsten diagnostizierte Angsterkrankung — die GAS umfasst chronische, übermäßige Sorgen in mehreren Lebensbereichen. Die Pathophysiologie beinhaltet eine Dysregulation des Amygdala-Präfrontalkortex-Kreislaufs, veränderte GABAerge und serotonerge Neurotransmission sowie eine erhöhte Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) [2]. Die genetische Heritabilität wird auf 30–40 % geschätzt.
### 2. Situative / stressbedingte Angst
Akute Lebensstressoren — Arbeitsplatzverlust, Beziehungsprobleme, finanzielle Belastung, gesundheitliche Bedenken — aktivieren die „Kampf-oder-Flucht"-Reaktion des sympathischen Nervensystems. Eine anhaltende Cortisolerhöhung durch chronischen Stress kann neuronale Angstschaltkreise sensibilisieren und die Schwelle für zukünftige Angstreaktionen senken.
### 3. Medizinische Erkrankungen
Zahlreiche medizinische Erkrankungen erzeugen Angstsymptome durch direkte physiologische Mechanismen:
- **Schilddrüsenerkrankungen** (Hyperthyreose): Überschüssiges Schilddrüsenhormon steigert die Stoffwechselrate und die Katecholaminempfindlichkeit
- **Kardiovaskuläre Erkrankungen**: Arrhythmien, Mitralklappenprolaps, Herzinsuffizienz
- **Respiratorische Erkrankungen**: Asthma, COPD, Lungenembolie
- **Neurologische Erkrankungen**: Vestibuläre Störungen, Temporallappenepilepsie
- **Endokrine Störungen**: Phäochromozytom, Hypoglykämie, Cushing-Syndrom
### 4. Substanzinduzierte Angst
Koffein, Stimulanzien (Amphetamine, Kokain), Cannabis (insbesondere Sorten mit hohem THC-Gehalt), Alkoholentzug, Benzodiazepinentzug und bestimmte Medikamente (Kortikosteroide, Schilddrüsenhormone, Dekongestiva, einige Asthmamedikamente) können Angst durch sympathomimetische oder GABAerge Mechanismen auslösen oder verstärken.
### 5. Panikstörung
Wiederkehrende unerwartete Panikattacken — plötzliche Schübe intensiver Angst, die innerhalb von Minuten ihren Höhepunkt erreichen — begleitet von anhaltender Sorge vor zukünftigen Attacken. Beinhaltet eine Überempfindlichkeit des Erstickungsalarmsystems des Gehirns und interozeptive Konditionierung [2].
### 6. Soziale Angststörung
Ausgeprägte Angst vor sozialen Situationen, in denen man bewertet werden könnte. Beinhaltet eine erhöhte Amygdala-Reaktivität auf wahrgenommene soziale Bedrohung und eine defizitäre präfrontale Regulationskontrolle.
### 7. Andere psychiatrische Komorbiditäten
Angst tritt häufig zusammen mit einer Major Depression auf (bis zu 60 % Komorbidität), ebenso mit PTBS, Zwangsstörung und ADHS. Gemeinsame neurobiologische Substrate — insbesondere Serotonin- und Noradrenalin-Signalwege — liegen dieser Überlappung zugrunde.
## WARNSIGNALE
Die folgenden Zeichen erfordern **sofortige ärztliche Hilfe** (rufen Sie den Rettungsdienst oder begeben Sie sich in die Notaufnahme):
- **Brustschmerzen, Druckgefühl oder Engegefühl** — insbesondere mit Kiefer-/Armschmerzen, Atemnot oder Diaphorese (Myokardinfarkt muss ausgeschlossen werden)
- **Aktive Suizidalität** — Gedanken an Selbstverletzung, ein Plan oder die Absicht zu handeln
- **Schwere Panik mit Atemnot** — Zyanose, Sauerstoffentsättigung
- **Plötzlicher starker Kopfschmerz** („Donnerschlagkopfschmerz") mit Angst — kann auf eine Subarachnoidalblutung hinweisen
- **Symptome nach Substanzeinnahme** — mögliche Überdosierung oder Vergiftung
- **Zeichen einer Anaphylaxie** — Angst mit Urtikaria, Rachenschwellung, Hypotonie
- **Neu aufgetretene Verwirrtheit, Desorientierung oder Psychose** begleitend zur Angst
- **Krampfanfälle** im Zusammenhang mit Angstepisoden
- **Schwerer Alkohol- oder Benzodiazepinentzug** — Tremor, Tachykardie, Halluzinationen, Fieber (Risiko eines Delirium tremens, das tödlich verlaufen kann)
- **Herzfrequenz >150 bpm in Ruhe** oder neu aufgetretene Arrhythmie
> **Wichtig:** Viele dieser Warnsignale ahmen Angstsymptome nach. Im Zweifel sollte eine Notfalluntersuchung erfolgen. Es ist immer sicherer, lebensbedrohliche Zustände auszuschließen.
## Selbsthilfe zu Hause
Evidenzbasierte nicht-pharmakologische Strategien können die Schwere der Angst erheblich reduzieren. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017 zeigte, dass regelmäßige körperliche Aktivität klinisch bedeutsame anxiolytische Effekte erzielt, die mit einigen Erstlinientherapien vergleichbar sind [5].
### Körperliche Aktivität
- **Aerobe Bewegung**: 150 Minuten/Woche moderate Intensität (zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen) reduziert Angstsymptome signifikant [5]
- **Krafttraining**: 2–3 Einheiten pro Woche zeigen anxiolytische Wirkung
- **Yoga**: Mehrere RCTs unterstützen Yoga als ergänzende Angstbehandlung
### Atem- und Entspannungstechniken
- **Zwerchfellatmung**: Langsames Atmen (4–6 Atemzüge/Minute) aktiviert das parasympathische Nervensystem über vagale Stimulation
- **Progressive Muskelentspannung (PMR)**: Systematisches Anspannen und Loslassen von Muskelgruppen reduziert die physiologische Erregung
- **4-7-8-Atemtechnik**: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen
### Kognitiv-verhaltenstherapeutische Strategien
- **Gedankenüberprüfung**: Identifikation und Umstrukturierung katastrophisierender oder verzerrter Denkmuster
- **Sorgenzeit**: Festlegung eines täglichen Zeitfensters von 15–20 Minuten für Sorgen, Verschiebung ängstlicher Gedanken auf dieses Fenster
- **Expositionsübungen**: Schrittweise Konfrontation mit vermiedenen Situationen in einer systematischen Hierarchie
Die Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), auch in Eigenregie angewendet, verfügen über starke Evidenz zur Angstreduktion [3].
### Lebensstiländerungen
- **Schlafhygiene**: Konstante Schlaf-Wach-Zeiten einhalten; 7–9 Stunden anstreben. Schlafmangel verschlimmert Angst erheblich
- **Koffeinreduktion**: Auf <200 mg/Tag begrenzen oder vollständig eliminieren; Koffein antagonisiert Adenosinrezeptoren und aktiviert das sympathische Nervensystem
- **Alkoholreduktion**: Obwohl initial anxiolytisch, stört Alkohol die Schlafarchitektur und verursacht Rebound-Angst
- **Digitale Auszeit**: Begrenzung von Nachrichtenkonsum und sozialen Medien, insbesondere vor dem Schlafengehen
- **Achtsamkeitsmeditation**: 10–20 Minuten täglich; Metaanalysen belegen moderate Effektstärken bei der Angstreduktion
### Soziale und umweltbezogene Maßnahmen
- Pflege sozialer Kontakte und Unterstützungsnetzwerke
- Zeit in der Natur verbringen (Evidenz belegt Cortisolsenkung)
- Tagebuchführen oder expressives Schreiben
- Strukturierte Tagesabläufe zur Reduktion von Unsicherheit
## Rezeptfreie Medikamente
Rezeptfreie Optionen bei Angst sind in ihrer Wirksamkeit im Vergleich zu verschreibungspflichtigen Medikamenten begrenzt. Die folgenden können bei leichter Angst eine bescheidene Linderung bieten, wobei die Evidenzqualität variiert.
| Klasse | Beispiel | Typische Erwachsenendosis | Wirkmechanismus | Hinweise / Kontraindikationen |
|--------|----------|---------------------------|-----------------|-------------------------------|
| Antihistaminikum (sedierend) | Diphenhydramin (Benadryl) | 25–50 mg bei Bedarf (max. 300 mg/Tag) | H1-Rezeptorantagonismus; ZNS-Dämpfung | Sedierung, anticholinerge Wirkungen. Bei älteren Menschen, BPH, Glaukom vermeiden. Nicht zur Langzeitanwendung |
| Pflanzlich — Lavendel | Silexan (Lavendelöl-Kapsel) | 80–160 mg/Tag | Modulation spannungsabhängiger Kalziumkanäle; Hemmung von NMDA-Rezeptoren | Im Allgemeinen gut verträglich; GI-Beschwerden möglich. Evidenz aus mehreren RCTs unterstützt die Wirksamkeit bei subsyndromaler Angst [4] |
| Pflanzlich — Passionsblume | Passiflora incarnata-Extrakt | 250–500 mg/Tag | GABAerge Aktivität | Begrenzte, aber vielversprechende Evidenz; kann Sedierung verursachen. In der Schwangerschaft vermeiden |
| Pflanzlich — Kamille | Matricaria chamomilla-Extrakt | 220–1.100 mg/Tag | Apigenin bindet an Benzodiazepinrezeptoren | Eine RCT zeigte Nutzen bei GAS; im Allgemeinen sicher. Bei Antikoagulanzien vermeiden |
| Aminosäure | L-Theanin | 200–400 mg/Tag | Fördert Alpha-Gehirnwellen; moduliert Glutamat und GABA | In grünem Tee enthalten; gut verträglich; bescheidene Evidenz |
| Mineralstoffpräparat | Magnesium (Glycinat oder Citrat) | 200–400 mg/Tag | NMDA-Rezeptormodulation; Regulation der HPA-Achse | Kann bei Mangel helfen; Durchfall bei hohen Dosen (besonders Citrat). Nierenfunktion überprüfen |
| Pflanzlich — Baldrian | Valeriana officinalis | 300–600 mg vor dem Schlafengehen | Schwache GABA-Wiederaufnahmehemmung | Vorwiegend bei schlafbezogener Angst; inkonsistente Evidenz. Nicht mit Sedativa kombinieren |
**Wichtige Hinweise:**
- Rezeptfreie Optionen sind im Allgemeinen nur bei leichter, situativer Angst geeignet
- Pflanzliche Produkte sind nicht standardisiert; die Qualität variiert zwischen den Herstellern
- Informieren Sie Ihren Arzt stets über Nahrungsergänzungsmittel, da Wechselwirkungen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten möglich sind
- Diphenhydramin sollte aufgrund von Toleranzentwicklung, kognitiven Auswirkungen und anticholinerger Belastung nicht regelmäßig gegen Angst eingenommen werden
## Verschreibungspflichtige Optionen
Verschreibungspflichtige Anxiolytika sind indiziert, wenn Angst die alltägliche Funktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigt, wenn Selbsthilfemaßnahmen nicht ausreichen oder wenn eine formale Angststörung diagnostiziert wurde. Die Behandlung sollte von einem qualifizierten Kliniker eingeleitet und überwacht werden (Hausarzt, Psychiater oder psychiatrische Fachpflegekraft).
| Klasse | Beispiele | Typischer Dosisbereich für Erwachsene | Wirkmechanismus | Wichtige Hinweise |
|--------|-----------|---------------------------------------|-----------------|-------------------|
| SSRI | Sertraline, Escitalopram, Paroxetine | Sertraline 50–200 mg/Tag; Escitalopram 10–20 mg/Tag | Serotonin-Wiederaufnahmehemmung | Erstlinientherapie. 2–4 Wochen bis zur vollen Wirkung. Kann Angst initial verstärken. Sexuelle Nebenwirkungen, GI-Beschwerden |
| SNRI | Venlafaxine XR, Duloxetine | Venlafaxine 75–225 mg/Tag; Duloxetine 60–120 mg/Tag | Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung | Erstlinientherapie. Blutdruck überwachen. Absetzsyndrom bei abruptem Beenden |
| Buspiron | Buspirone | 15–60 mg/Tag (aufgeteilt 2–3×/Tag) | 5-HT1A-Partialagonist | Nicht sedierend, kein Abhängigkeitspotenzial. 2–4 Wochen bis zur Wirkung. Speziell für GAS |
| Benzodiazepin | Alprazolam, Lorazepam, Clonazepam | Variiert je nach Wirkstoff | Positiver allosterischer Modulator am GABA-A-Rezeptor | Rascher Wirkungseintritt. Reserviert für kurzfristigen oder akuten Einsatz wegen Abhängigkeits-, Toleranz- und Entzugsrisiko. Keine Erstlinientherapie |
| Pregabalin | Pregabalin (Lyrica) | 150–600 mg/Tag | Ligand der α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Kalziumkanäle | In Europa für GAS zugelassen (in den USA nicht FDA-zugelassen für Angst). Evidenz unterstützt die Wirksamkeit [4] |
| Hydroxyzin | Hydroxyzine (Vistaril) | 25–100 mg bis zu 4×/Tag | H1-Antihistaminikum; ZNS-Depressivum | Nicht abhängigkeitserzeugende Alternative bei akuter Angst. Sedierung ist die Hauptnebenwirkung |
| Betablocker | Propranolol | 10–40 mg bei Bedarf | β-adrenerger Antagonismus | Vorwiegend bei Leistungsangst (körperliche Symptome). Behandelt nicht die kognitive Sorge |
| Trizyklisches Antidepressivum | Imipramine, Clomipramine | Variiert | Multiple Monoamin-Wiederaufnahmehemmung | Zweit-/Drittlinientherapie. Mehr Nebenwirkungen. Nützlich bei Panikstörung und komorbiden Erkrankungen |
**Behandlungsprinzipien:**
- SSRIs und SNRIs gelten als Erstlinien-Pharmakotherapie für die meisten Angststörungen basierend auf Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit [4, 6]
- Benzodiazepine sollten generell auf eine kurzfristige Anwendung (2–4 Wochen) oder akutes Krisenmanagement beschränkt werden, da Abhängigkeitsrisiko besteht
- Die Kombination von Medikation mit KVT erzielt bessere Ergebnisse als jede Behandlung allein [3]
- Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel mindestens 12 Monate nach Remission; viele Patienten profitieren von einer längerfristigen Erhaltungstherapie
- Medikamentenänderungen sollten immer unter ärztlicher Aufsicht erfolgen; abruptes Absetzen von SSRIs, SNRIs oder Benzodiazepinen kann erhebliche Entzugssymptome verursachen
## Üblicherweise angeordnete Laboruntersuchungen
Wenn ein Patient mit neu aufgetretener oder ungeklärter Angst vorstellig wird, können Ärzte Laboruntersuchungen anordnen, um medizinische Erkrankungen auszuschließen, die Angst imitieren oder verstärken:
| Untersuchung | Begründung | Link |
|--------------|------------|------|
| Schilddrüsenfunktion (TSH, freies T4) | Hyperthyreose ist eine häufige und behandelbare medizinische Differenzialdiagnose der Angst | [Schilddrüsenpanel](/tests/thyroid-panel) |
| Großes Blutbild (CBC) | Anämie kann Tachykardie, Müdigkeit und Angstsymptome verursachen | [CBC](/tests/complete-blood-count) |
| Umfassendes Stoffwechselpanel (CMP) | Elektrolytstörungen (Kalzium, Magnesium), Glukoseanomalien, Leber-/Nierenfunktion | [Stoffwechselpanel](/tests/comprehensive-metabolic-panel) |
| Nüchternglukose / HbA1c | Hypoglykämie und schlecht eingestellter Diabetes können angstähnliche Episoden auslösen | [HbA1c](/tests/hba1c) |
| Urin-Drogenscreening | Stimulanzienkonsum oder Substanzentzug als ursächliche Faktoren | [Drogenscreening](/tests/urine-drug-screen) |
| Vitamin-D-Spiegel | Mangel ist in Beobachtungsstudien mit Stimmungs- und Angstsymptomen assoziiert | [Vitamin D](/tests/vitamin-d) |
| Cortisol (morgens) | Abklärung eines Cushing-Syndroms oder einer Nebenniereninsuffizienz bei klinischem Verdacht | [Cortisol](/tests/cortisol) |
| Ferritin | Eisenmangel (auch ohne Anämie) ist mit Angst und Unruhesymptomen assoziiert | [Ferritin](/tests/ferritin) |
| EKG / Kardiales Monitoring | Ausschluss von Arrhythmien bei prominenten Palpitationen | [EKG](/tests/electrocardiogram) |
| B12 und Folsäure | Mangel kann neuropsychiatrische Symptome einschließlich Angst verursachen | [Vitamin B12](/tests/vitamin-b12) |
Nicht alle Untersuchungen sind bei jedem Patienten notwendig. Die Testauswahl sollte sich nach klinischem Erscheinungsbild, Anamnese und körperlicher Untersuchung richten.
## Besondere Patientengruppen
### Kinder und Jugendliche
- Angststörungen betreffen etwa 7 % der Kinder im Alter von 3–17 Jahren
- Die Präsentation kann sich von Erwachsenen unterscheiden: Reizbarkeit, Schulverweigerung, somatische Beschwerden (Bauchschmerzen, Kopfschmerzen), Anklammerungsverhalten, Wutanfälle
- **Erstlinienbehandlung** ist eine entwicklungsgerecht angepasste KVT; starke Evidenz unterstützt ihre Wirksamkeit bei pädiatrischen Populationen
- **Pharmakotherapie**: SSRIs (insbesondere Fluoxetine, Sertraline und Fluvoxamine) haben die stärkste Evidenz bei pädiatrischer Angst. Die Dosierung sollte immer von einem Kinderarzt festgelegt und niedriger als im Erwachsenenbereich begonnen werden
- **FDA-Black-Box-Warnung**: Alle Antidepressiva tragen eine Warnung vor erhöhter Suizidalität bei Patienten unter 25 Jahren; engmaschige Überwachung ist bei Therapiebeginn unerlässlich
- Benzodiazepine werden bei Kindern aufgrund paradoxer Reaktionen und entwicklungsbezogener Bedenken generell vermieden
- Die pädiatrische Dosierung jeglicher Medikation sollte ausschließlich von einem qualifizierten Kinderarzt betreut werden
### Schwangerschaft und Stillzeit
- Angststörungen sind in der Schwangerschaft häufig (Prävalenz ~15–20 %)
- **Nicht-pharmakologische Ansätze** (KVT, Entspannung, Bewegung) werden als Erstlinienmaßnahme bevorzugt
- **SSRIs**: Werden im Allgemeinen eingesetzt, wenn der Nutzen die Risiken überwiegt. Sertraline und Escitalopram werden häufig aufgrund beruhigenderer Sicherheitsdaten bevorzugt. Paroxetine ist mit einem geringfügig erhöhten Risiko für kardiale Fehlbildungen assoziiert (FDA-Kategorie D)
- **Benzodiazepine**: Assoziiert mit potenziellen Risiken einschließlich neonataler Sedierung, Entzug und einem möglichen (umstrittenen) Gaumenspaltenrisiko bei Exposition im ersten Trimenon. Werden nach Möglichkeit vermieden
- **Buspiron**: Begrenzte Daten am Menschen in der Schwangerschaft; generell nicht erste Wahl
- Alle Medikamentenentscheidungen in der Schwangerschaft sollten eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Patientin, Gynäkologen und Psychiater beinhalten
- Unbehandelte mütterliche Angst birgt selbst Risiken: Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, postpartale Komplikationen
- **Stillzeit**: Sertraline hat die geringste bekannte Exposition des Säuglings über die Muttermilch; eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist unerlässlich
### Ältere Menschen (≥65 Jahre)
- Angst bei älteren Erwachsenen wird häufig unterdiagnostiziert und ist oft komorbid mit Depression, kognitivem Abbau oder somatischen Erkrankungen
- **Pharmakotherapeutische Überlegungen**:
- SSRIs: Mit der halben üblichen Erwachsenendosis beginnen; Escitalopram wird aufgrund geringerer Arzneimittelinteraktionen bevorzugt
- Benzodiazepine: Gemäß den Beers-Kriterien **dringend abzuraten** wegen Sturzrisiko, kognitiver Beeinträchtigung, Delir und paradoxer Agitation
- Buspiron: Kann eine sicherere anxiolytische Option in dieser Population sein
- Anticholinerge Medikamente (Diphenhydramin, Hydroxyzin in hohen Dosen): Wegen kognitiver Beeinträchtigung, Harnretention und Obstipation vermeiden
- Das Sturzrisiko muss bei jedem sedierenden Medikament beurteilt werden
- Polypharmazie-Interaktionen sind ein großes Problem; eine Medikamentenabstimmung ist unerlässlich
- Eine für ältere Erwachsene angepasste KVT ist wirksam und sollte angeboten werden
### Sportler
- Leistungsangst ist häufig und stellt möglicherweise keine Störung dar
- **Propranolol** kann bei leistungsbezogenen körperlichen Symptomen (Tremor, Tachykardie) eingesetzt werden, ist aber in bestimmten Sportarten von der WADA verboten (Bogenschießen, Schießen)
- Bewegung selbst wirkt anxiolytisch, aber ein Übertrainingssyndrom kann paradoxerweise Angst verstärken
- SSRIs sind von den meisten Anti-Doping-Agenturen nicht verboten, können aber die Leistung durch Müdigkeit oder Gewichtsveränderungen beeinflussen
- Koffein und stimulierende Pre-Workout-Supplemente können Angst verschlimmern
- Sportler sollten auf relatives Energiedefizitsyndrom im Sport (RED-S) untersucht werden, das sich mit Stimmungs- und Angstsymptomen manifestieren kann
- Schlafstörungen durch Reisen oder Wettkampfpläne können Angst verschlimmern
## Wann eskalieren
Nutzen Sie die folgenden Schwellenwerte als Entscheidungshilfe:
### Selbstmanagement zu Hause
- Leichte, situative Angst, die mit Wegfall des Stressors abklingt
- Angst, die auf Selbsthilfemaßnahmen innerhalb von 1–2 Wochen anspricht
- Keine Beeinträchtigung der Alltagsfunktion, Arbeit oder Beziehungen
### Hausarzttermin vereinbaren (innerhalb von 1–2 Wochen)
- Angst, die trotz Selbsthilfe >2 Wochen anhält
- Angst, die beginnt, Arbeit, Schlaf oder Beziehungen zu beeinträchtigen
- Neue körperliche Symptome (Palpitationen, GI-Beschwerden) mit Angst
- Wunsch, Medikamentenoptionen zu besprechen
- Familienanamnese für Angststörungen und zunehmende Symptome
### Termin am selben oder nächsten Tag
- Erstmalig auftretende Panikattacken
- Erhebliche funktionelle Beeinträchtigung (Unfähigkeit zu arbeiten, das Haus zu verlassen oder Verantwortlichkeiten zu erfüllen)
- Angst begleitet von neuen körperlichen Symptomen, die ärztliche Abklärung erfordern
- Verschlechterung der Symptome trotz laufender Behandlung
- Medikamentennebenwirkungen, die Anlass zur Sorge geben
### Notaufnahme — sofortige Hilfe suchen
- Suizid- oder Selbstverletzungsgedanken (in Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222)
- Brustschmerzen oder Symptome, die auf einen kardialen Notfall hindeuten könnten
- Schwere Panik mit Gefühl drohenden Unheils und Unfähigkeit zur Selbstregulation
- Symptome eines Substanzentzugs (Tremor, Krampfanfälle, Halluzinationen)
- Psychotische Symptome (Halluzinationen, Wahnvorstellungen) begleitend zur Angst
- Unfähigkeit, aufgrund der Schwere zu essen, zu trinken oder sich selbst zu versorgen
> **Krisenressourcen:** In Deutschland: **Telefonseelsorge** unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, 24/7). In Österreich: **142** (Telefonseelsorge). In der Schweiz: **143** (Die Dargebotene Hand). Bei unmittelbarer Gefahr rufen Sie die **112** an.
## References
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[4] Bandelow B, Reitt M, Röver C, Michaelis S, Görlich Y, Wedekind D. Efficacy of treatments for anxiety disorders: a meta-analysis. Int Clin Psychopharmacol. 2015;30(4):183-192. PMID:25932596
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